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Der Erschaffer des One Square Club – eines Privatclubs in der Größe einer Telefonzelle – beschreibt sein neuestes immersives Kunstprojekt, das auf der Frieze Los Angeles im Februar 2019 präsentiert wird.

 

Als Tom Pope vor einigen Jahren feststellte, dass ein Quadratmeter Wohnraum im vornehmen Londoner Stadtteil Kensington & Chelsea 11.365 Pfund (etwa 12.600 Euro) kostet, entstand daraus eine geniale Idee. „Ich dachte mir, das ist doch verrückt“, erinnert er sich. „Wie kommt dieser Preis zustande? Worauf beruht er? Ich musste einfach etwas tun.“ Das Ergebnis: der One Square Club. Die Mitgliedschaft dauert nur einen Tag, und die Gebühr richtet sich nach dem durchschnittlichen Preis für einen Quadratmeter Grundbesitz an der Stelle, an der sich der Club gerade befindet. „Es ist sehr interessant, wie auf dem Immobilien- und dem Kunstmarkt ein bestimmter Wert festgelegt wird und wie dieser Wert schwankt“, so Pope. „Folglich steigt oder sinkt der Wert der Clubmitgliedschaft in Abhängigkeit von der aktuellen Entwicklung.“

 

Die Mitglieder kommen in den Genuss eines persönlichen Gesprächs mit Pope in angenehmer Atmosphäre. Im Inneren ist der Club mit einer individuell angefertigten Bar, luxuriösen Tapeten, gemütlicher Beleuchtung und einem Miniatur-Kunstwerk dekoriert. Pope schenkt den Clubmitgliedern einen Drink ein und hört sich ihre Sorgen an. Oder singt mit ihnen Karaoke. Oder spricht über philosophische Themen. Jeder kann sich wünschen, was er möchte, und sei es nur behagliches Schweigen. Mit Hilfe von Deutsche Bank Wealth Management und dem Deutsche Bank Kunst, Kultur & Sport Bereich kommt One Square Club nun zur Frieze LA.

 

Viele seiner Werke sind mit einem Augenzwinkern zu verstehen – so etwa Time Bound, die Performance, die 2011 mit dem Deutsche Bank Award for Creative Enterprises (DBACE) ausgezeichnet wurde und bei der er eine Standuhr in einem Leichenwagen von London nach Genf beförderte. Ein weiteres Beispiel ist The Last Portage (2015); für dieses Projekt schob Pope gemeinsam mit Freiwilligen ein fünf Meter langes Boot mit den Händen über die Insel Jersey, von der Ost- zur Westküste und dann in den Atlantik.

 

Pope machte 2011 seinen Master in Fotografie am Royal College of Art in London und ist Mitbegründer von ArtLacuna, einem Kunststudio und Projektraum, den er seit fünf Jahren betreibt. One Square Club ist nur eines seiner zahlreichen Projekte, bei denen er Reisen, Performance und spielerische Einfälle miteinander verknüpft und sich zudem mit dem Thema Zeit auseinandersetzt. 

 

 

 

Anna Wallace-Thomson: Die Idee eines Privatclubs ist typisch britisch. Wie lässt sich das Konzept des One Square Club nach LA verlagern?

Tom Pope: Mitglied eines Clubs zu sein setzt immer ein gewisses Elitedenken voraus, sei es in Bezug auf Macht oder auf den sozialen Status, und verkörpert die Vorstellung, diesem elitären Personenkreis anzugehören – oder es zumindest zu verdienen. Besonders interessant an One Square Club im Kontext von LA finde ich, dass sich der Standort in den Paramount Pictures Studios befinden wird – im wahrsten Sinne des Wortes in einer Straße, die nicht echt ist, in einer Ladenfront. Hier spiegelt sich in interessanter Weise die Welt der Filmstars und berühmten Persönlichkeiten sowie die Vorstellung, dass Berühmtheit selbst sozusagen einen exklusiven Club darstellt. Ich finde, die Idee, die dahinter steckt, passt hier bestens.

 

AWT: Die äußere Form des One Square Club selbst ist schon eine tolle Parallele – er sieht aus wie eine Telefonzelle, also ein weiterer Inbegriff der britischen Kultur. Im Kontext von Hollywood denkt man dabei aber vermutlich eher an Superman.

TP: Der Club hat auch die gleichen Maße wie ein mobiles Toilettenhäuschen, dafür ist es sauberer. Wesentlich sauberer. Aber Spaß beiseite, ich liebe diese Größendimension und die Tatsache, dass so ein Objekt auffallen und gleichzeitig komplett mit seiner Umgebung verschmelzen kann. Es fasziniert mich wirklich, wo man überall mobile Toilettenhäuschen entdecken kann – sie sind allgegenwärtig, doch richtig wahrgenommen werden sie eigentlich nie.

 

AWT: Soll der Club also mit der Umgebung in LA verschmelzen, oder soll er auffallen?

TP: Nun, rein optisch wird er hier niemals verschmelzen – in Londons vornehmen Vierteln Kensington, Chelsea oder Mayfair wäre das vielleicht möglich, aber überall sonst auf der Welt springt er sofort ins Auge, weil er so unverwechselbar britisch ist, sogar im Inneren: Er ist mit einem Boden aus massivem Eichenholz, Holzgebälk und aufwändigen Tapeten ausgestattet.

 

AWT: Der One Square Club verbindet zudem die Immobilien- und die Kunstwelt – und die Werte, die in beiden Welten gelten.

TP: Das stimmt. Da der Club einen Quadratmeter misst, kann er an jeden Ort der Welt befördert werden. Er lässt sich auch sehr schön als Konzeptwerk verpacken, was meinem Interesse am Wert eines Kunstwerks entgegenkommt – insbesondere auf einem nicht regulierten Markt, was auf die Kunstwelt im Wesentlichen zutrifft. Ich finde es interessant, wie auf dem Immobilien- und dem Kunstmarkt ein bestimmter Wert festgelegt wird und wie dieser Wert schwankt. Folglich steigt oder sinkt der Wert der Mitgliedschaft in Abhängigkeit davon, wo genau sich der Club gerade befindet und wie lange man sich darin aufhält.

 

AWT: Ihre Arbeit befasst sich recht oft mit den Konzepten von Zeit und Raum; so befördern Sie Standuhren, schieben Boote oder transportieren diesen Club durch die Welt. Wieso ist das so?

TP: Viele Arbeiten entstehen durch Reisen, und ich bin mir selbst nicht ganz sicher, woran das liegt. Ich finde es unglaublich spannend, mich auf eine Reise zu begeben, aber mit der Frage nach dem „Warum“ befasse ich mich normalerweise nicht genauer. Ich kann sagen, dass ich meine Abschlussarbeit über die Zeit und ihre Wiederholung geschrieben habe. Das brachte mich dann dazu, eine Standuhr zu zerstören, und auf den Gedanken, nicht an gemessene Zeit gebunden zu sein. Time Bound ist anders zustande gekommen – ursprünglich hatte ich die Absicht, gemessene Zeit und ihre Wiederholung zu erkunden, und dabei stellte sich dann heraus, dass das eigentlich nur möglich war, wenn ich sie in den Large Hadron Collider im CERN bringe und zerstöre, da dort die Zeit in ihrem kleinsten, winzigsten Teil dargestellt wird. So ergab sich eine spannende Reise.

 

 

 

AWT: Bei solchen Arbeiten muss man sicher in gewisser Weise ‚loslassen‘, da Sie doch so vieles nicht in der Hand haben und das Ergebnis an sich nicht vorhersehen können.

TP: Früher musste ich immer alles unter Kontrolle haben! Bei Time Bound, als wir die Uhr nach Genf beförderten, brachte ich meine Freunde sowohl körperlich als auch psychisch an ihre Grenzen. Fünf Wochen lang haben wir quasi ununterbrochen in einem Leichenwagen gewohnt und gearbeitet, während wir durch Europa fuhren – die Route ergab sich erst unterwegs. Außerdem halfen sie mir bei meinen improvisierten Performances und haben die ganze Sache gefilmt und dokumentiert. Danach wurde mir klar, dass es vollkommen in Ordnung ist, etwas die Kontrolle abzugeben. Mittlerweile sehe ich mich bei einer Performance als Urheber – oder sozusagen als Dirigent – und lasse den Dingen ihren Lauf


AWT: Das wird im One Square Club sehr häufig der Fall sein...

TP: Ja, wer dem Club beitritt, wird gleichzeitig Teil der Performance und dessen, was zwischen uns abläuft: Wir können beide bestimmen und lenken, in welche Richtung das Gespräch geht und was wir tun. Alles, was das ‚Mitglied‘ tut, ändert den Verlauf des Geschehens.


AWT: Wie wirkt sich das jeweilige Publikum auf Ihre Arbeit aus?

TP: Ich bin schon in vielen verschiedenen Ländern aufgetreten, und es ist immer sehr interessant, wie unterschiedlich die Reaktionen ausfallen. So glaube ich zum Beispiel, dass die Menschen in Großbritannien tendenziell eher zurückhaltender sind – wenn sie zum Beispiel als Passant auf der Straße etwas entdecken, das sie verunsichert (beispielweise eine Performance von mir), ist es gut möglich, dass sie die Straßenseite wechseln oder es einfach komplett ignorieren. In Frankreich dagegen kommen die Menschen direkt auf mich zu und fragen, was los ist, was es damit auf sich hat. Ich freue mich sehr auf One Square Club in LA, denn ich glaube, die Menschen in Amerika stehen neuen Kontakten und Interaktionen aufgeschlossen gegenüber.


AWT: Was soll die Erfahrung im One Square Club letztendlich erreichen?

TP: Es soll die Leute zum Lachen bringen. Sie sollen in den Genuss der völligen Absurdität von Reichtum und Elitismus kommen. Und ein unterhaltsames Gespräch sollen sie mitnehmen können.

 

 

Anna Wallace-Thompson schreibt zum Thema Kunst und Kultur und wohnt in London.

 

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