Wie der Strukturwandel die Regeln von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft verändert – und worauf es jetzt ankommt

Es ist kein Geheimnis. Innovation leistet einen wichtigen Beitrag zum Wachstum. Im 18. Jahrhundert war es die Erfindung der Dampfmaschine, in der jüngsten Vergangenheit ist es die digitale Technologisierung, die unsere Art und Weise, wie wir produzieren und leben, grundlegend verändern wird. Bestrebungen, Wachstum nicht nur zu erhalten, sondern auch zu erhöhen, verstärken die negativen Auswirkungen; zum Beispiel Erschöpfung natürlicher Ressourcen und die damit verbundenen Umweltprobleme, Schulden oder Ungleichheiten mit gesellschaftlicher Polarisierung als Folge. Ein radikaler Strukturwandel verändert die Regeln von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft merklich. In vielen Fällen steht weiterhin die reine Produktion bzw. der Verbraucher und nicht wie erhofft die gesamte Gesellschaft mit ihrer „Verantwortung“ im Mittelpunkt. Dieser Ansatz ist nicht unbedingt im Einklang mit dem Wohlergehen jedes Einzelnen. Die mögliche Folge: wirtschaftliche Instabilität sowie gespaltene Gesellschaften. Die Debatte um „inklusives Wachstum“ verdeutlicht dies. Wie sich unsere Ökonomien und Gesellschaften verändert haben, hat die aktuelle Corona-Pandemie umso mehr konkretisiert.

 

Gleichzeitig wird es aufgrund einer Abschwächung des Produktivitätswachstums, ökologischer Verschlechterung, Marktsättigung und demographischer Veränderung schwieriger, wünschenswertes „Wachstum“ nach bisheriger Definition zu erzielen. Wachstum kann so für viele tatsächlich eine Illusion bleiben. Doch warum ist das der Fall, und welche generellen Veränderungen sind zu diskutieren?

„Gesellschaften sind in der Pflicht, eine nachhaltige Wirtschaft zu etablieren, um den gesellschaftlichen Aspekt mit Unternehmertum und Natur in Einklang bringen zu können“

Markus Müller

Die Erfassung von Wachstum durch das Bruttoinlandsprodukt hatte nie die Absicht, das Wohl der Gesellschaft zu messen. Es dient als ein reiner Leistungsindikator. Das Goodhart-Gesetz hilft uns, es besser zu verstehen – wenn ein Indikator zum Ziel wird, ist es kein guter Indikator mehr. Es besteht auch kein klarer Zusammenhang zwischen BIP, Wohlstand und Zufriedenheit. Bereits Seneca der Jüngere, ein römischer Philosoph um Christi Geburt, prägte die Auffassung, dass Tugend als vollendete Glückseligkeit anzusehen ist. Ist das ein Gegensatz zu der heutigen Auffassung von Wachstum?

 

Wachstum ist nicht offensichtlich. Die Frage, die gestellt werden muss, lautet, ob Wachstum für eine erfolgreiche Gesellschaft notwendig ist. Die Antwort: jein, nicht notwendigerweise. Sozial- und Umweltindikatoren sollten bei der Entscheidungsfindung eine höhere Priorität zugesprochen bekommen. Das würde dem Anspruch, den eine Gesellschaft im 21. Jahrhundert an sich selber haben sollte, auch gerecht werden. Entwicklungsunterschiede der einzelnen Ökonomien müssen bei der Beurteilung mitbetrachtet werden, so dass materielle Grundlagen zu Beginn entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung und ein „besseres“ Leben sind. Aus diesem Grund muss eine Reformation des Wachstumskonzepts den jeweiligen Fortschritt berücksichtigen. Die bewusste, systematische Entscheidung ist mehr als nur Mittel zum Zweck, um ein übergeordnetes, positives Ziel in der Ökonomie (engl.: purpose economy) zu erreichen. Die zusätzliche Betrachtung hat zum Ziel, dass sich Beitragsgerechtigkeit nicht nur zwischen personal und kapitalintensiven Tätigkeiten unterscheidet. Vielmehr soll der Beitrag aus drei Gesichtspunkten heraus verfolgt werden:

 

1. INDIVIDUELLER BEITRAG

(u. a. Personen undUnternehmen)

 

2. POLITISCHER BEITRAG

(u. a. Regierungen und Institutionen)

 

3. NATÜRLICHER BEITRAG

(u. a. Natur und Ressourcen)

 

Allen Faktoren ist gemein, dass sie einen wesentlichen Beitrag (engl.: impact) im Sinne der Ökonomie leisten und nicht nur zweckgebunden sind. Große Bedeutung kann der Natur zugesprochen werden, die einen enormen Beitrag vollbringt. Gesellschaften sind in der Pflicht, eine nachhaltige Wirtschaft zu etablieren, um den gesellschaftlichen Aspekt mit Unternehmertum und Natur in Einklang bringen zu können. Nur so sind wir in der Lage, Aussagen über die Auswirkungen von Wachstum in sozialen und ökologischen Bereichen zu treffen. Der Mut zur nachhaltigen Veränderung ist entscheidend.

Hinweis: Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Wertentwicklungen. Die hier dargelegten zukunftsgerichteten Erklärungen stellen die Beurteilung des Autors zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Materials dar. Zukunftsgerichtete Erklärungen beinhalten wesentliche Elemente subjektiver Beurteilungen und Analysen sowie deren Veränderungen und/oder die Berücksichtigung verschiedener, zusätzlicher Faktoren, die eine materielle Auswirkung auf die genannten Ergebnisse haben könnten. Prognosen basieren auf Annahmen, Schätzungen, Ansichten und hypothetischen Modellen oder Analysen, welche sich als falsch heraus stellen können.