Unser CIO-Jahresausblick identifiziert sechs Anlagethemen für 2020, da sich das Wachstum verlangsamt und das Leistungsvermögen der Geldpolitik an ihre Grenzen stößt.

 

Vor mehr als einem Jahrzehnt schlugen Zentralbanken einen sehr ungewöhnlichen geldpolitischen Kurs ein, der gemeinhin als „quantitative Lockerung“ (Englisch „Quantitative Easing", abgekürzt QE) bezeichnet wird. Dies ermöglichte den längsten jemals verzeichneten Aufschwung und führte zu einem starken Preisanstieg. Doch können diese geldpolitischen „magischen“ Maßnahmen weiterhin funktionieren?

 

Während wir uns einem neuen Jahrzehnt nähern, scheint die Wirkung der geldpolitischen Lockerung zu schwinden, sodass ein „Ersatzinstrument“ gefunden werden muss. Die These, dass andere Lösungen erforderlich sein werden, um die Weltwirtschaft auf Kurs zu halten, gewinnt immer mehr Zustimmung. Doch die politischen Entscheidungsträger sind sich alles andere als einig, was genau diese neuen Ansätze sein könnten, geschweige denn, wie sie umgesetzt werden sollten.

 

Ob es uns nun gefällt oder nicht, die „Magie“ der Zentralbanken wird weiterhin eine wesentliche Rolle für die Wirtschaftspolitik und die Märkte spielen. Die jüngste Debatte um die Beteiligung der Fed an dem „Quasi-QE“ (die sich in der wachsenden Bilanz widerspiegelt) und um die Wiederaufnahme der monatlichen Wertpapierkäufe durch die EZB untermauern die Tatsache, dass die ultralockere Geldpolitik noch immer ein Thema ist. Zumal wir ihre Auswirkungen noch lange spüren werden und uns die Suche nach alternativen Lösungsansätzen noch einige Zeit beschäftigen wird.

 

Dies ist die Prämisse unseres Jahresausblicks für 2020, und wir befassen uns mit sechs Anlagethemen, um die entsprechenden Implikationen zu untersuchen. Ein solches Umfeld erinnert uns an die Bedeutung der strategischen Assetallokation und der Robustheit, die diese für den Anlageprozess schafft. 

 

Thema 1: Politischer Druck erfordert umsichtige Reaktionen

Bei unserem ersten Thema beginnen wir daher mit einem Blick auf den Zustand der Weltwirtschaft. Dabei werden wir Anzeichen für eine Verlangsamung des Wachstums diskutieren, eine Entwicklung, die durch Handelsspannungen, politische Unsicherheiten und andere Faktoren verstärkt wird. Da die Geldpolitik voraussichtlich an ihre Grenzen hinsichtlich ihrer Effektivität stoßen wird, werden Forderungen nach höheren Staatsausgaben laut, wobei wir allerdings nicht mit massiven Konjunkturstimulationsmaßnahmen rechnen. Aus Anlegersicht ist dies ein Umfeld, das einen robusten Anlageansatz, die Fähigkeit zur Fokussierung auf langfristige Renditen und die Bereitschaft, alternative Ansätze in Erwägung zu ziehen, voraussetzt.

Thema 2: Leben mit dem Niedrigzinsumfeld

Da die Zentralbanken wie eingangs erwähnt aufgrund eines Mangels an Alternativen eine ultralockere Geldpolitik betreiben, sollten geringe oder negative Renditen Realität bleiben. Hieraus ergibt sich unser zweites Thema: „Leben mit dem Niedrigzinsumfeld“. Anleger sollten nicht annehmen, dass sie diese Situation einfach aussitzen und auf höhere Renditen warten können. Vielmehr ist eine wohlüberlegte Antwort auf die Frage nötig, ob es sich wirklich für sie lohnt, renditelose Anleihen zu halten – trotz des unbestrittenen Vorteils der Risikodiversifizierung. In diesem Zusammenhang sollten sie eventuell auch erwägen, Erträge aus Illiquiditätsprämien auf Private-Equity- und Private-Debt-Märkten zu erzielen.

Thema 3: Suche nach neuen Anlagehäfen

Um im Anleihesegment eine positive absolute Rendite zu erzielen, ist das Eingehen von Risiken erforderlich, doch selbst mit derartigen Anleihen dürfte es schwierig sein, eine positive Realrendite zu erlangen. Eine erwähnenswerte Ausnahme sind jedoch US-Staatsanleihen. Die Aufgabe ist somit: „Suche nach neuen Anlagehäfen“, unser drittes Thema für 2020. In den Industrieländern bieten sich als Alternative zu den niedrig verzinsten US-Treasuries Unternehmensanleihen an, wie beispielsweise das Investment-Grade-Segment in den USA und das Crossover-Segment (der Grenzbereich zwischen Investment Grade und High Yield) in Europa. Auch ein Blick auf Staats- und Unternehmensanleihen in Hartwährung aus Schwellenländern lohnt sich.

Die geldpolitische „Magie“ ist noch nicht am Ende – doch das derzeitige Umfeld erinnert uns daran, wie wichtig die strategische Assetallokation für den Aufbau eines robusten Portfolios ist.

Christian Nolting

Globaler Chief Investment Officer, Deutsche Bank Wealth Management

Thema 4: Balanceakt zwischen „Value“ und „Growth“

Aktien bleiben ein zentraler Bestandteil der meisten Portfolios und wir sehen auch hier Raum für weitere Gewinne – allerdings mit dem Risiko, dass damit eine anhaltende Volatilität einhergeht. Für 2020 gehen wir davon aus, dass regionale wie auch „Stil“-Präferenzen sich ändern werden. In diesem Zusammenhang könnten im Rahmen unseres vierten Anlagethemas „Balanceakt zwischen 'Value' und 'Growth'“ einige hochwertige „Value“-Aktien interessante Möglichkeiten bieten und ihren Rückstand gegenüber „Growth“-Aktien aufholen. Auf Sektorebene sehen wir ebenfalls Möglichkeiten in globalen Industrieunternehmen.

 

Thema 5: Politik als treibende Kraft

Währungsaspekte spielen ebenso eine wichtige Rolle für Portfolios. Hier bleibt die Frage, ob die Wechselkurse von politischen und geopolitischen Faktoren oder von Unterschieden zwischen den Politiken der Zentralbanken und weiteren fundamentalen Faktoren beeinflusst werden. „Politik als treibende Kraft“, unser fünftes Thema für 2020, legt nahe, dass die Weltpolitik 2020 der Geldpolitik den Rang ablaufen könnte. Der Interventionsdruck (in verschiedener Form) zur Abschwächung des US-Dollar dürfte anhalten, während der JPY nach wie vor eine wichtige Rolle als Diversifikator spielt. Das verlangsamte globale Wachstum könnte generell gegen Rohstoffe sprechen, doch es dürfte auch Chancen geben, z.B. bei Gold

 

Thema 6: Tech trifft ESG

Wir erwarten, dass Investitionen in langfristige Anlagethemen, welche die Welt von morgen prägen und gestalten dürften, im Anlageportfolio weiterhin wichtig sein werden. Unsere beiden neuen Themen für 2020 schließen auch einen Blick auf Bereiche ein, die von 5G profitieren, sowie die Implikationen einer schnelleren Kommunikation für die industrielle Produktivität und Entwicklung. Wir blicken zudem auf die Ressourcenverwaltung in einer Welt, in der die Entwicklung städtischer Abfälle und Recyclingraten immer mehr in den Fokus rückt. Die Wechselwirkung zwischen Technologie und Nachhaltigkeit bleibt von entscheidender Bedeutung für den Umgang mit den demografischen Herausforderungen.

 

Was hält das Jahr 2020 bereit? Eine Welt im Wandel, doch keine völlig andere Welt. Zentralbanken

bleiben im Rampenlicht, ungeachtet der Diskussionen über das Ende der geldpolitischen „Magie“:

Für Anleger bedeutet dies, dass sie sich weiterhin mit niedrigen Zinsen abfinden und sicherstellen

müssen, dass sie über einen robusten Anlageprozess verfügen und die sich bietenden Chancen

nutzen können. Was die Anlageerträge betrifft, so deutet die Vergangenheit darauf hin, dass auf

Jahre mit starken Gewinnen (wie 2019) häufig keine Rückgänge erfolgen, sondern meistens eher

weiteres moderates Wachstum. Daher dürfte es sich lohnen auch dem Jahr 2020 mit einer positiven

Grundstimmung gegenüberzutreten.

 

“CIO Insights Ausblick 2020 – Verblasst die Magie der Geldpolitik?" beinhaltet unsere neuen makroökonomischen und Finanzmarkt-Prognosen für 2020.

 

Eine druckfreundliche PDF des gesamten Reports können Sie hier herunterladen.

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