Durch eine wiederholende Menagerie von Hybridfiguren erforscht ruby onyinyechi amanze Konzepte von Raum, Identität und Zugehörigkeit und bringt eine völlig neue Körperlichkeit in das Medium Zeichnung.

 

Heimat ist ein komplexer Begriff, wenn man von verschiedenen Orten stammt. Man ist das Produkt von allen Orten und fühlt sich zugleich einheimisch und fremd. Die Künstlerin ruby onyinyechi amanze – aufgrund ihrer ästhetischen Vorliebe wird der Name durchgehend kleingeschrieben – lebte als Kind und Teenager auf drei Kontinenten und betrachtet Lagos, London, Brooklyn und Philadelphia als ihr Zuhause, obwohl sie sich mit keiner dieser Städ­te verbunden fühlt. „Heimat kann verschiedene Orte beinhalten“, erklärt sie, „das müssen nicht unbedingt geografische Stellen mit Grenzen und Punkten auf einer Karte sein, sondern mentale, emo­tionale und spirituelle Plätze, zwischen denen man sich leicht hin- und her bewegen kann.“

 

Der kritische Theoretiker Homi Bhabha würde das vielleicht als „dritten Raum“ bezeichnen, einen neuen Ort, der durch kollidie­rende Kulturen geschaffen wurde und die Möglichkeit bietet, etwas Neues und möglicherweise Besseres als die Ursprünge zu schaffen. In amanzes Werken ist Heimat ein Wunderland für hybride Wesen, die über große, leere Weiten fliegen, tauchen, schweben, fallen, tan­zen, trampeln, stolpern, rennen, zucken und sich räkeln, während Objekte, wie Vögel, Pflanzen, Motorräder, Kunstrasen und archi­tektonische Elemente ein Raumgefühl suggerieren – eine Art von Ort. Doch ganz bewusst kein spezieller Ort; diese Heimat ist nicht statisch. Ihre jüngsten Werke beschäftigen sich zunehmend mit der Nutzung von Raum und mit verschiedenen Möglichkeiten, die zwei­dimensionale Papierebene physisch zu manipulieren. Es sind spiele­rische Erkundungen mit Tinte, Grafit, Buntstiften und anhand von Fotoübertragungen.

 

Inspiration in Bewegung: amanze's frühe Jahre

amanze wurde 1982 in Port Harcourt, Nigeria, geboren. Beide Elternteile arbeiteten als Dozenten an den lokalen Universitäten. Kurz nach ihrer Geburt wanderte die Familie nach Großbritannien, in die Stadt Birmingham, aus. Ihr Vater machte dort seinen Doktortitel in Biochemie und ihre Mutter absolvierte ihren Master in Pädagogik. 1995, als amanze das Teenageralter erreichte, zog die Familie zurück in die Vereinigten Staaten. Es war das Jahr, in dem Timothy McVeigh das Alfred P Murrah Federal Building sprengte; das Jahr von Toy Story, dem ersten computeranimierten Spielfi lm; und das Jahr, in dem OJ Simpson für unschuldig erklärt wurde. amanzes erste Erinnerung auf amerikanischem Boden war das neue Zuhause am Stadtrand von Philadelphia. „Ich erinnere mich, dass sich das Haus sehr amerikanisch anfühlte. Für unsere früheren britischen Standards war es sehr groß. Keller und Boden waren ausgebaut und es sah genauso aus wie die amerikanischen Häuser in den Fernsehsendungen. An der Straßenecke war ein kleiner Tante-Emma-Laden, der Hoagies [Sandwiches] verkaufte und an der anderen Ecke befanden sich ein Tattoo-Studio und eine Kirche.“

 

In high school, amanze took advantage of a strong arts program, practically living in the art studios. A Bachelor of Fine Arts (BFA) seemed a natural next step. Her parents “mildly discouraged” her creative pursuits, hoping they were a phase. “At the time,” amanze says, “it wasn’t part of the immigrant story to say you want to study art or be an artist.”

 

amanze received a BFA – summa cum laude – from Philadelphia’s Tyler School of Art, Temple University, in 2004. Two years later, she graduated with a Master of Fine Arts from the esteemed Cranbrook Academy of Art, near Detroit, Michigan, which was followed by teaching jobs. In 2009, she was hired as the Director of Education at the Museum of Contemporary African Diasporan Arts in Brooklyn, New York. During this period amanze was also active in group exhibitions throughout the US as well as New York, where she showed ‘Works on Paper’ at the South Shore Art Center in 2007 and held an exhibition at The Cooper Union School of Art in 2011, capping off the residency she had just completed there. Her work then was already investigating themes of home and hybridity, but in abstract form, void of figures and relying on ink more than graphite.

 

In 2012, the artist was awarded a Fulbright teaching and research scholarship that took her back to Nigeria for only the third time since leaving as an infant. The trip marked a turning point in her work as she moved from abstract to figurative artworks. It was during this time that amanze unleashed the characters that would become the central figures of her ongoing body of work, Aliens, Hybrids and Ghosts.

 

 

A hybrid menagerie: amanze's recurring cast 

„Diese Figuren entstanden, weil ich das erste Mal als Erwachsene in Nigeria lebte und eine Geschichte darüber erfand, wie es ist, als Fremde an diesem Ort zu sein“, erzählt amanze. „Doch es war auch irgendwie eine Art Heimat und es wechselte zwischen den bei- den Extremen. Ich wollte das durch die Augen dieser anderen Wesen betrachten und nicht als Selbstportrait.“

 

ada, die Außerirdische, war die erste Figur, die sie erschuf. Abgesehen von ihrer neongelben Haut ist ada das Spiegelbild von amanze. Sie verfügt über geschmeidige, knochige Gliedmaße und erscheint introspektiv, selbstbewusst und vielleicht ein bisschen melancholisch. audre, der Leopard (ein menschlicher Hybrid mit Leoparden-Kopf) war die nächste Figur. Er präsentiert sich reserviert und beschützend und es liegt klar auf der Hand, dass er und ada etwas miteinander haben. Sie tanzen, sie umarmen sich und in „10 Litres of Air (The Divers II)“ (2016) packt sich audre ada, die mit einem Badeanzug und einem Weltraumhelm bekleidet ist, unter einem Arm, während sie sich nach unten fallen lässt. Oder viel- leicht hält er sie auch nur davon ab, nach oben, gen „Wonderland“ zu schweben? In „The Divers“ (2016) ist es umgekehrt. ada hält audre fest, während beide gemeinsam sinken oder steigen. 

 

Presence in absence: why amanze is increasingly exploring space

Während die Charaktere und Kapitel der Hybrids-Serie mit Ausstellungen in Ohio, Lagos, London und New York Fortschritte machten, interessierte sich amanze weniger für weitere Ideen der Hybridität als vielmehr für den tatsächlichen Raum – das voluminöse Nullschwerkraft-Weiß des Papiers, auf dem sich ihre Charaktere tummeln.

 

„Ich finde, der Prozess des Zeichnens hat etwas und wenn man einmal im größeren Zusammenhang betrachtet, wie man sich durch Raum bewegen kann, ist das schon faszinierend“, sagt sie. „Da passiert etwas Magisches. Auch, dass man sich auf der Papierfläche bewegen, hier schieben und ziehen, Eingänge, Fenster und Gassen und all diese Dinge kreieren kann, die Raum suggerieren. Darauf kommt es bei der Arbeit an und weniger auf das Problem der kulturellen Hybridität.“

 

Seit Kurzem hat amanze damit begonnen, ihren Werken physische Tiefe zu verleihen. Sie zeichnete einige ihrer Werke drei- dimensional, verwendete dazu Holzformen, tiefe Schattenboxen oder Harzschichten, um den Raum jenseits der Papieroberfläche zu manipulieren. Ihre Ausstellung im Jahr 2018 „there are even moon-beams we can unfold“ in der Goodman Galerie in Kapstadt zeigte mehrere dieser skulpturalen Werke. Die Abteilung Kunst, Kultur & Sport der Deutschen Bank erwarb 2015 amanzes erstes Werk für ihr Londoner Büro, und nutzte nun die Gelegenheit, sie auf der Frieze New York als „Featured Artist“ der Deutsche Bank Wealth Management Lounge vorzustellen.

 

amanze sitzt in ihrem Atelier, im dritten Stock des Hauses in Philadelphia, das sie und ihr Mann gemeinsam gekauft haben. Das Haus ist nur unweit von der Kirche entfernt, die sie damals als Kind mit ihrer Familie besucht hatte. amanze sagt, dass die Kreation skulpturaler Zeichnungen jetzt der aufregendste Teil ihrer Arbeit ist. Sie fügt hinzu: „Ein Teil des Vorgangs erfordert, Wege zu entdecken, wie das Papier physische Gewichte halten und eine Präsenz in seiner Räumlichkeit haben kann, und wie es physisch mit dem Betrachter und der Architektur interagieren kann. Das kommt von dem, was in den Zeichnungen passiert. Die gezeichnete Welt kann auch eine dreidimensionale Welt werden.“

 

Für amanze waren die Zeichnungen nie flach. Sie sieht in ihrem Papier eine Tiefe, wie ein Bildhauer vielleicht eine versteckte marmorierte Form in einem großen Stein entdecken kann. Während sie arbeitet, taucht amanze regelrecht körperlich in ihre Zeichnungen ein. Sie liegt darauf und hinterlässt ihre eigenen Spuren und Abdrücke, während sie ihre Figuren über die Bühne aus schwerem Baumwollpapier tanzen lässt. Ihre großen Werke und die Räumlichkeit der Zeichnungen bieten auch Platz für Sie, den Betrachter. Ob Sie nun zu den Massen gehören, die Raum wie amanze wahrnehmen, oder nicht – ein „Wonderland“-Besuch lohnt sich jedenfalls, selbst nur für einen Augenblick.

 

 

Clint McLean ist ein Schriftsteller und Fotograf, der sich auf Kunst und Kultur spezialisiert hat. Er hat seinen Sitz in Dänemark.

 

Dieser Artikel erschien erstmals in der Mai-Ausgabe 2019 von WERTE, dem Kundenmagazin der Deutschen Bank Wealth Management.

 

"Twin": Eine Performance + Zeichnung

Am Freitag, 3. Mai 2019, von 12.30 bis 16.00 Uhr, trat amanze mit der langjährigen Mitarbeiterin Wura-Natasha Ogunji auf der Wiese vor dem Nordeingang der Messe auf Randalls Insel live auf. Für weitere Informationen besuchen Sie bitte db.com/art.


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