Einer der ersten Superstars des modernen Weinanbaus im kalifornischen
Napa Valley und Gründer des renommierten Harlan Estate, Bill Harlan, steht
 vor einer weiteren Herausforderung: das erfolgreiche Familienunternehmen
an seine Kinder weiterzugeben.

 

In einem zerklüfteten Teil der kalifornischen Mayacamas Mountains bewegen sich die Kojoten, Bären und Rehe stolz und frei in den ursprünglichen Wäldern. Dass das Gebiet seit drei Jahrzehnten offiziell jemandem gehört, wissen sie natürlich nicht. Schließlich leben sie hier nahezu ungestört. Inmitten dichter Wälder wirkt Harlan Estate wie das vergessene Land von Napa. Wenn Bill Harlans „200-Jahresplan“ zum Tragen kommt, bleibt das auch so – abgesehen von ein paar Hektar, auf denen besonders kostbarer Wein angebaut wird, der diesen früher oft übersehenen Teil des Napa Valley für einige der teuersten und begehrtesten Weine der Welt bekannt gemacht hat.

 

Für sein Unternehmen hat Bill Harlan sein Leben lang hart gearbeitet; und er hat auch – wie er selbst zugibt – eine Menge Glück gehabt. Seine Liebe zum Wein begann Ende der 1950er Jahre. Damals war er im ersten Jahr an der UC Berkeley in der San Francisco Bay. Während seines Kommunikations- und Politikstudiums entdeckte er das nahe gelegene Napa Valley als perfektes Ziel für außer-universitäre Aktivitäten: „Die Mädchen kamen gern mit, man konnte umsonst Weinverkostungen mitmachen, und niemand prüfte unseren Ausweis.“

 

Zu der Zeit war Napa nicht viel mehr als ein Stückchen Provinz mit ein paar neugierigen Besuchern. Die ersten Weinstöcke wurden in den späten 1830er Jahren gepflanzt und sorgten schnell für Erfolge. Und doch blieben nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nur 13 Weingüter im Valley übrig. Nach Reblaus, Erstem Weltkrieg und Prohibition hielt es nur die hartnäckigsten Weinbauern inmitten grasender Kühe, Walnuss- und Pflaumenbäume. Heute hat sich das Napa Valley gegenüber den frühen 1950er Jahren stark verändert. Nahezu die komplette bepflanzbare Fläche der 48 km unterschiedlichsten Bodens ist mit Weinstöcken bedeckt. Die Hauptverkehrsstraße ist von Weingütern gesäumt, und Millionen wohlhabender Besucher strömen in die Region, um den exzellenten Wein zu genießen.

 

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist das Napa Valley wie der Phönix aus der Asche auferstanden. Vom Grünschnabel hat sich der Napa Cabernet Sauvignon zum selbstbewussten Qualitätsprodukt entwickelt, das neben feinstem Bordeaux und Burgunder in den besten Weinkellern gelagert wird. Die renommiertesten französischen Weinproduzenten wie Aubert de Villaine von Domaine de la Romanée-Conti und die Besitzer von Châteaux Mouton Rothschild, La Fleur-Pétrus und Rauzan-Ségla sind mittlerweile ebenfalls im Napa Valley zu finden. Auch die Tech-Community aus dem nahe gelegenen Silicon Valley schätzt die bukolische Atmosphäre. Ihre Mitglieder verbringen das Wochenende oder gleich den Rest ihres Lebens hier und sind bereit, für beste Qualität zu zahlen. Mittlerweile gibt es mehrjährige Wartelisten für kleinste Mengen Wein mit Preisen im dreistelligen oder noch höheren Bereich pro Flasche. 

Screaming Eagle, Opus One, Eisele Vineyard und Harlan Estate haben Napa für wirklich guten Wein bekannt gemacht. Durch die zunehmende Landknappheit sind die Weingüter des Napa Valley die teuersten der USA. Spitzenpreise liegen bei $ 400.000 (€ 344.000) für 0,4 Hektar, also zwei- bis dreimal mehr, als das beste Land im benachbarten Sonoma kostet. Als Harlan 1980 ein geeignetes Stück Land suchte, bewegten sich die Preise bei etwa $ 25.000 (€ 21.570).

 

Wenn Harlan in den späten 1950er Jahren – als er schwor, einmal Weinbauer im Napa Valley zu werden – Land gekauft hätte, hätte er $ 1.000 (€ 863) pro Acre (0,4 Hektar) bezahlt. „Ich kam 1959 hierher und beschloss, dass ich – wenn ich es mir jemals leisten könnte – ein Weingut aufbauen und dort mit Frau und Kindern leben wollte. Das war mein Traum.“ Es dauerte drei Jahrzehnte, bis Harlan sich diesen Traum erfüllen konnte. In der Zeit reiste er um die Welt, lernte Segeln, nahm an Motorradrennen teil und leitete ein erfolgreiches Immobilienunternehmen, um genügend Kapital aufzubauen.

 

Das Weingut war das erste Puzzlestück. 1979, drei Jahre nachdem Wein aus dem Napa Valley die Welt in Erstaunen versetzt und die Franzosen in ihre Schranken verwiesen hatte, kaufte er sein erstes Stück Land. Im berühmten Judgement of Paris (Weinjury von Paris) wurden Napa Valley Cabernet Sauvignons und Chardonnays und die besten französischen Weine geprüft. Die Napa-Weine gewannen. 

 

Nicht alle Napa-Weingüter haben jedoch die gleichen Voraussetzungen. Robert Mondavi, der Vater der modernen kalifornischen Weine, zweifelte an Harlans Anbaufläche. Mondavi meinte, das Gebiet sei nicht besonders gut für den Weinanbau geeignet, aber perfekt für die Auction Napa Valley – die mittlerweile sehr glamouröse Benefiz-Weinauktion der Region, welche seit damals über $ 145 Millionen (€ 168 Millionen) für die lokale Gesundheitsversorgung und für gemeinnützige Bildungseinrichtungen für Kinder erzielt hat. So wurde Harlans Luxusresort Meadowood geboren, in dem noch heute die alljährliche Auktion stattfindet. 1980 organisierte Mondavi für Harlan eine fünfwöchige Reise in die historischen Weinanbau-gebiete Bordeaux und Burgund. Diese legte den Grundstein für Harlans langfristige Unternehmensphilosophie. „Ich kehrte mit einer ganz anderen zeitlichen Perspektive zurück“, sagt Harlan über seine Reise in die jahrhundertealten Traditionen Frankreichs. „So entstand der 200-Jahresplan.“

 

Dieser umfasste zunächst die Suche nach einem besser geeigneten Stück Land zum Anbau hochwertiger Weine. Dank seines mittlerweile stark erweiterten Wissens sicherte er sich ein 97 Hektar großes unberührtes Stück felsiges Land, das später Harlan Estate werden sollte. 1984 begann er, die ersten Weinstöcke auf dem Vulkan- und Sedimentgestein zu pflanzen. Dann, mit Mitte vierzig, folgten die letzten Puzzlestücke: Innerhalb von drei Jahren lernte er Deborah kennen und heiratete sie. Sie bekamen ihren Sohn Will und zwei Jahre später ihre Tochter Amanda und produzierten den ersten Harlan Estate-Wein (Jahrgang 1987, der allerdings nie auf den Markt gebracht wurde). 1996 begann Harlan den 1990er Jahrgang zu verkaufen und wurde zum Star. Der seit vier Jahrzehnten einflussreichste Wein-kritiker der Welt, Robert Parker Jr., verlieh seinem 1994er Jahrgang perfekte 100 Punkte und machte ihn damit zum begehrten Sammlerobjekt. Ende 1990 war klar, dass Harlan Estate zur Cabernet-Kult-szene gehörte, einer Gruppe Überflieger aus Napa, die für winzige Mengen Rotwein bei Sammlern Preise erzielte, die normalerweise nur für die allerbesten Bordeaux gezahlt wurden. 

 

Harlan erklärt, dass er ursprünglich auf dem Estate eine erste Ernte aus Kalifornien erzielen wollte. In Bordeaux gibt es nur fünf Weine der ersten Ernte bzw. Premier Cru, darunter Château Lafite Rothschild und Château Latour. Obwohl Harlan Estate nicht auf eine vergleichbare jahrhundertealte Geschichte oder Erfolgsbilanz für langlebigen hochwertigen Wein verweisen kann, versetzen seine Cabernet-Sauvignon-Weine die Experten immer wieder in Erstaunen. Parker verlieh zum Beispiel zwischen 1994 und 2013 sechsmal Höchstnoten an Weine des Harlan Estate und erklärte: „Harlan Estate ist womöglich nicht nur in ganz Kalifornien, sondern weltweit der tiefgründigste Rotwein überhaupt.“

 

Trotz Beifall von höchster Stelle bereits zehn Jahre nach dem ersten Harlan-Estate-Wein wäre es unmöglich gewesen, das Unternehmen in seiner heutigen Form aufzubauen, wenn permanent Aktio-näre nach Dividenden gerufen hätten. „Zwölf Jahre [von der Pflanzung der ersten Weinstöcke bis zum Verkauf des ersten Weins] gab es kein bisschen Umsatz, geschweige denn Gewinn“, sagt Harlan. „Der klassische American Way zielt auf Kapitalrendite und Quartalszahlen ab. Mein Plan war aber ganz auf eine Lebensrendite ausgerichtet.“ So stark hatte ihn seine Reise zu den jahrtausendealten Weintraditionen Burgunds 1980 beeinflusst. „Mit einer anderen Sicht auf die Zeit und einem klaren Ziel vor Augen ist es viel leichter, Geduld zu haben, und das macht einen Teil der Basis meines Estates aus.“

 

Der 200-Jahresplan für diesen hügeligen Teil Oakvilles braucht seinen nächsten Beschützer. Harlan ist nicht unsterblich, und hat mit 78 Jahren nur noch einen Plan für 30 Jahre. Die Nachfolgefrage für Harlan Estate schien bis vor Kurzem noch sehr problematisch. Vor dem gleichen Dilemma stehen viele kalifornische Weingüter: Laut einer Umfrage der Silicon Valley Bank innerhalb der Wein-industrie 2008 wurden überwältigende 88 % der Güter nach 1975 gegründet. Viele Weinbauern gaben zu, sich auf eine schwierige Übergabe vorzubereiten. Etwa vier von fünf Familien-unternehmen im Weinbau in den USA befinden sich noch in den Händen der ersten Generation, und ihre erfolgreiche Weitergabe ist nicht sehr wahrscheinlich. Das Family Business Institute hat berechnet, dass 70 % der Unternehmen nicht an die nächste Generation übergeben werden und dass nur drei Prozent mehr als drei Generationen überleben.

 

Bill Harlan war aber schon immer ein besonderer Fall. Als sein Sohn 2012 auf seiner Ducati zurück ins Napa Valley gerast kam, begannen die Überlegungen. Will (mittlerweile 31) und seine Schwester Amanda (29) hatten trotz des internationalen Erfolgs ursprünglich nicht vor, das Familienunternehmen weiterzuführen. Neben dem ikonischen Harlan Estate gibt es noch den zweiten Wein, The Maiden, sowie Bond, ein Portfolio von Weinen, deren Trauben aus den besten Anbau-gebieten in Napa stammen. 

 

„Ich hatte nie vor, mit der Familie zu arbeiten. Ich war schon an Wein interessiert, dachte aber nicht, dass er einen großen Teil meines Lebens ausmachen würde“, so Will. Nach seinem Abschluss an der Duke University, North Carolina, zog er nach San Francisco und entwickelte im technologischen Zentrum der Stadt eine Shopping-Suchmaschine für Outdoor-Bekleidung. Doch schon während seiner Collegezeit kam er immer auf das Estate, wenn der Jahreswein kreiert wurde. In den Ferien half er dabei, Weine zu mischen, die von den jungen Rebstöcken stammten, die ihr volles Potenzial noch nicht entfaltet hatten. Ursprünglich wurde dieser Wein nur mit Freunden und Familie geteilt, 2008 brachte Harlan The Mascot jedoch auch auf den Markt. Obwohl er bereits seine eigene Weinmarke hervorgebracht hatte, dachte Will bis zur Lese 2012 nicht, dass er jemals selbst am Familienunternehmen beteiligt sein würde. „Ich sprach mit unserem Winzer über die Arbeit im Weinkeller. Ich musste ihn davon überzeugen, dass ich es ernst meinte. Er hatte natürlich Bedenken, dass der Sohn des Eigentümers vorbeikommen und nur ein bisschen abhängen und sich nicht richtig bemühen würde“, sagt Will lachend. „Diese Erfahrung hat meine Sichtweise geändert. Die Arbeit ist nicht leicht, aber sehr bereichernd. Ich begann, das, was wir hier tun, ganz neu zu schätzen.“

 

Amanda kümmerte sich um den Vertrieb und die Vermarktung von The Mascot in Südkalifornien. Somit war der Grundstein gelegt. Aber Harlan Sr. (der schon Runden schwimmt, wenn andere gerade ihren ersten Kaffee trinken) überlässt seinen Kindern erst die Zügel, nachdem sie auch die letzte Unternehmung der Familie kennen-gelernt haben: den mineralischen, erdigen Wein Promontory, der im zerklüfteten, steileren und teils bewaldeten Bereich südlich des Harlan Estate wächst. Harlan entdeckte diesen kaum beachteten Teil des Napa Valley in den 1980ern. Nachdem er hörte, dass das Land verkauft werden sollte, erwarb er 2008 die 340 Hektar verwildertes Land, von denen nur rund 10 % bepflanzbar sind. Es schien bis auf ein kleines Stück Weinland, das mittlerweile größtenteils neu bepflanzt wurde, völlig unberührt zu sein. Die Produktion wird auf über das Doppelte der aktuell 1600 Fässer steigen, wenn die neuen Reben gereift sind. Promontory gibt Will die Möglichkeit, seine eigene Vision zu verwirklichen und sich auf die Zukunft vorzubereiten. Harlan Sr. erläutert: „Die nächste Generation muss unsere Werte bewahren, aber auch ihre eigenen Wege gehen können, während sie von unseren Erfahrungen lernt.“

 

Die Mitarbeiter werden von Harlan ebenfalls auf den Genera-tionenwechsel vorbereitet. Zum Team gehören einige der dienst-ältesten Mitarbeiter im ganzen Valley: Director of Winegrowing Bob Levy und Estate Director Don Weaver waren von Anfang an bei Harlan dabei. Der Dreißiger Cory Empting begann im Teenager-alter als Praktikant und wurde von Levy mittlerweile zum Winzer ausgebildet. „Wir müssen uns um die Talente und die Familien-mitglieder der nächsten Generation kümmern“, erklärt Harlan.

Dabei wird die nächste Generation der Harlans genauso sorg-fältig vorbereitet wie der Cabernet. Umfassende Einarbeitung sorgt dafür, dass die jungen Leute für die Harlan-Übergabe bestens gerüstet sind. Dieses Unternehmen beruht auf einer langfristigen Philosophie: Das Napa Valley ist nicht das Silicon Valley, erklärt Harlan Sr. Veränderungen vollziehen sich viel langsamer: im Einklang mit den vier Jahreszeiten und nicht im Takt von Quartalsberichten. Auf der Grundlage der Preise für eine Flasche Harlan Estate und des anhaltenden Dursts der Weintrinker wird Harlan Sr. eine gesunde Bilanz weitergeben können. Die Dividenden hingegen waren immer eine eher persönliche Angelegenheit.

 

Dieser Artikel erschien erstmals in der Mai-Ausgabe 2018 von WERTE, dem Kundenmagazin von Deutschen Bank Wealth Management.

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