×

Seine Exzellenz Präsident Ólafur Ragnar Grímsson blickt als früherer Präsident Islands auf die längste Amtszeit zurück. Von 1996 bis 2016 war er für fünf Amtsperioden Präsident. Zuvor war er Finanzminister, Mitglied des Parlaments und Professor an der Universität von Island. Seit Ende seiner Präsidentschaft ist er Vorsitzender des Arctic Circle, einer gemeinnützigen Organisation, die durch Förderung der internationalen Zusammenarbeit Probleme der Arktis und deren Zukunft angehen will.

 

Präsident Grímsson nahm am 20. Juli an unserer vierten Experten-Gesprächsrunde teil. Er teilte seine Ansichten zu einem Fahrplan für eine grüne Erholung mit Salman Mahdi, Vice Chairman der Deutsche Bank International Private Bank, und Markus Müller, Global Head of the Chief Investment Office bei Deutsche Bank International Private Bank.

 

Erkenntnisse Islands zu COVID-19

„Mein Land konnte sich glücklicherweise von der sehr ernsten Bedrohung im März und Anfang April erholen. Ich glaube, Island kann anderen Ländern mit einigen Erkenntnissen im Umgang mit COVID-19 weiterhelfen“, sagte Grímsson.

 

Dazu gehören sehr intensive Testungen, die die Regierung unmittelbar zur Priorität erhob. Grímsson deutete an, dass Island pro Kopf gerechnet mehr als jedes andere Land der Welt getestet hat. Die Behörden entwickelten auch zügig eine Nachverfolgungs-App, und obwohl die Nutzung der App freiwillig war, wurde sie von 70-80 % der Gesamtbevölkerung eingesetzt.

 

„Interessanterweise entschied die politische Führung, bei allem gebotenem Respekt, sich nicht explizit dafür stark zu machen.“ Wie Grímsson erklärte, stand diese Initiative unter der Federführung des medizinischen Leiters für die Pandemie, der Leitung des Nationalen Gesundheitsdienstes sowie Vertretern von Islands Zivilschutz.

 

„Wir nennen sie das Trio.“ Diese drei hielten tägliche Pressekonferenzen ab, und Grímsson zufolge war das die Grundlage für die nationale Solidarität und Bereitschaft – denn es waren Experten, die den Menschen ihre Handlungsempfehlungen erklärten.

 

Vier Trends zeichnen sich ab, die unsere neue Welt prägen

Präsident Grímsson identifizierte vier wesentliche Trends für die Zukunft:

 

Der erste ist die Verbindung von sauberer Energie und Gesundheit. Er sagte: „Es hat sich deutlich gezeigt, dass saubere Energie und Gesundheit in Zusammenhang stehen.“ Jahr für Jahr sterben sechs oder sieben Millionen Menschen infolge der Verschmutzung des städtischen Raums. „Selbst COVID-19 hat dieses Ausmaß nicht erreicht.“ Die Pandemie, die im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, hat die Diskussion zum Zusammenhang von Städten, Energie und Gesundheit stärker als je zuvor befeuert.

 

Zweitens, die Bedeutung der Informationstechnologie, die Gesellschaften hilft, mit externen Bedrohungen durch Gefahren aus der Natur und Krankheiten umzugehen. Wird dies zum Ausgangspunkt für geopolitische Spannungen werden, wie wir sie jetzt zwischen China und den Vereinigten Staaten erleben? „Im letzten Jahrhundert waren Öl und natürliche Rohstoffe bzw. deren Förderung Grund für derartige geopolitische Spannungen“, sagte er. „Jetzt ist es die Informationstechnologie.“

 

Der dritte Trend ist der Fokus auf Biotechnologie. „Ich denke, diese Krise hat uns klar gemacht, dass das Rennen um Exzellenz und Innovation in der Biotechnologie für unser Überleben absolut entscheidend ist. Sogar für unsere Zivilisation.“

 

Der vierte von Präsident Grímsson angesprochene Trend ist der Wertewandel bei Immobilien und Grund und Boden. „Wir haben gesehen, dass das Virus vor allem in Städten akut ist, und wir haben über einige Monate einen neuen Lebensstil erlebt. Unternehmen, Kommunalbehörden und Regierungen werden das Thema Stadtplanung in ganz neuem Licht betrachten. Möglicherweise werden ihre Mitarbeiter und Kunden ganz andere Standorte fordern.“

 

„Ich bin daher davon überzeugt, dass der Wert von Land, der proportionale ökonomische Vorteil, nicht in der City of London, sondern außerhalb davon angesiedelt zu sein, sich grundlegend verändern wird.“ Obwohl es für eine genaue Vorhersage noch zu früh ist, „zeichnet sich eindeutig ab, dass die Menschen nun eine unterschiedliche Art zu leben und zu arbeiten erfahren haben, die sie tatsächlich viel mehr schätzen.“

 

Die Anziehungskraft des Arctic Circle

Das Schlaglicht auf die neue Welt bot Präsident Grímsson auch die Gelegenheit, über die Arktis zu sprechen. Als Vorsitzender der gemeinnützigen Organisation  Arctic Circle liegt ihm dieses Thema sehr am Herzen.

 

„Dieser Teil des Planeten, der insgesamt fast die Größe Afrikas hat, wird im 21. Jahrhundert eine sehr wichtige Rolle spielen“, sagte er und stellte die enormen Rohstoffquellen und kürzeren Luft- und Schiffswege, die die Arktis bietet, heraus. 

Ist es für ein Vermeiden der Klimakrise zu spät?

Im Verlauf der Gesprächsrunde wurde dieselbe Frage von unterschiedlichen Teilen des Publikums gestellt: Wie optimistisch blickt Präsident Grímsson in die Zukunft?

 

„Die ehrliche Antwort ist, ich bin sehr optimistisch.“ Dabei verwies er auf die enormen Fortschritte, die in den vergangenen 40 Jahren in den Bereichen Medizin, Bildung, Wissenschaft, Informationstechnologie, wirtschaftlicher Fortschritt und Armutsbekämpfung erzielt wurden. „Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit haben wir einen derartigen Fortschritt erlebt.“

 

Er hob hervor, dass die Klimadebatte jahrelang ins Stocken geriet, da die Argumentation für ein Alternativmodell schwierig war. Es gab die Leugner, nach deren Ansicht es nur einen Weg zu wirtschaftlichem Fortschritt gibt. Doch plötzlich waren wir binnen weniger Wochen dazu in der Lage, ein Alternativmodell umzusetzen, dem keiner, wäre es uns als Plan Anfang Januar vorgelegt worden, zugestimmt hätte.

 

„Zusätzlich zu den Erfahrungen aus den letzten 30 bis 40 Jahren haben mich die Erfahrungen der letzten drei bis vier Monate optimistischer als jemals zuvor werden lassen. Ansonsten würde ich einfach meinen Ruhestand genießen.“

 

 

Mehr Information

Weitere Informationen zu unserer Reihe "Expertengepräche" erhalten Sie von Ihrem Kundenberater. Oder lesen Sie hier die neuesten Erkenntnisse unseres CIO-Teams zu den Auswirkungen der COVID-19-Krise.

The views and opinions expressed in the Experts Talk are those of the speakers and do not necessarily reflect opinions of Deutsche Bank. The content and materials on this website may be considered Marketing Material. The market price of an investment can fall as well as rise and you might not get back the amount originally invested.  The products, services, information and/or materials contained within these web pages may not be available for residents of certain jurisdictions. Please consider the sales restrictions relating to the products or services in question for further information. Deutsche Bank does not give tax or legal advice; prospective investors should seek advice from their own tax advisers and/or lawyers before entering into any investment.