Jean-Claude Juncker, der Kommissionspräsident a. D., sieht die Zukunft gelassen und vertraut auf die „noblen Kräfte“ der Gemeinschaft.

 

WERTE: Menschen, die in Grenzregionen leben, erfahren die Auswirkungen von Kriegen meist als Erste. Ihre Familie kommt aus Luxemburg und hat sehr unter der Naziherrschaft gelitten. Kann man bei dieser Familiengeschichte nur überzeugter Europäer werden, Herr Juncker?

 

Jean-Claude Juncker: Es ist wahr. Die Geschichte entwickelt in Grenzregio­nen andere Melodien. Die schrille Melodie, mit der meine Familie zurechtkommen musste, hatte damit zu tun, dass mein Vater und drei seiner Brüder zwangsverpflichtet wurden von der deutschen Wehrmacht. Obwohl diese jungen Männer mit dem Krieg, mit der NSDAP, mit Deutschland nichts zu tun hatten. Mein Vater und meine Onkel waren Opfer eines Vorganges, der mit intensiver Kraft über sie hereinbrach. Das hat mich sehr geprägt, ja.

 

Wurde über die Vorkommnisse gesprochen?

 

Als ich Kind war, nicht. Da habe ich meinen Vater beobachtet und mir neugierig seine Verletzungen am Knie, am Hals und am Nacken angeschaut. Ich fragte ihn, woher er das hat. Er hat mir nie geantwortet. Als ich 16 oder 17 war, fing er sehr moderat an, mit mir über seine Kriegserlebnisse zu reden.

 

Mögen Sie von einer der Geschichten Ihres Vaters berichten?

 

Mein Vater starb 2016 mit 92 Jahren. In seinem Nachlass habe ich Aufzeichnungen gefunden, in denen er seinen allerersten Fronteinsatz beschrieb. Die Deutschen hatten ihn nach Russland an die Ostfront geschickt, dort musste er direkt an einem Erschießungskommando teilnehmen, ohne zu wissen, warum. Er war mit der Situation natürlich total überfordert, und das Beste, was er tun konnte, war, über die Köpfe der Todgeweihten hinwegzuschießen. Das muss man sich mal vorstellen: Ein Mann, eher noch ein Knabe, der in einem kleinen Dorf im Norden Luxemburgs lebte und nie weiter von zu Hause entfernt war als fünf Kilometer, wird am Tag eins seines Einsatzes derart in das Wehrmachtgemetzel involviert. Das war ein Kulturschock. Das prägt ein ganzes Leben. Das prägt eine Familie. Daher rate ich: Wer an Europa zweifelt, soll seine Soldatenfriedhöfe besuchen.

 

Als Jahrgang 1954 gehören Sie zur Generation der Nachkriegskinder. Sie haben Europa wieder zusammenwachsen sehen. Sie haben an diesem Vielvölkerprojekt, das 2012 sogar im Friedensnobelpreis gipfelte, mitgebaut. Was macht es mit Ihnen, das Pendel jetzt wieder in die andere Richtung ausschlagen zu sehen?

 

Mir wurde von meinem Vater beigebracht – er war ja als Stahlarbeiter auch in der Gewerkschaft

tätig –, dass die europäische Arbeitnehmerschaft immer proeuropäisch war. Das ist sie auch heute noch. Die Krisenerscheinungen, die es in Europa gibt, beeindrucken mich daher nur in Maßen. Ich habe mein europäisches Leben 1982 als junger Minister begonnen, und seither ist Europa in der Krise. Europa jagt von Krise zu Krise, es ist wie eine Aufholjagd Richtung Zukunft, die Vergangenheit nicht vergessend. Ich habe überhaupt nicht den Eindruck, dass sich die Europäische Union nach all den Wirren der letzten Jahre – von Eurorettung über Flüchtlingskrise bis Brexit – in Auflösung befindet. Der Brexit ist natürlich ein Donner­erlebnis. Aber ich habe immer wieder in den Verhandlungen mit allen anderen 26 Staaten gemerkt, dass die Zustimmung zum Prinzip der europäischen Einigung eher zugenommen hat. Es gibt den starken Willen der nichtbritischen Mitgliedstaaten, zukunftsorientiert zusammenzuarbeiten.

 

Sie machen sich also keinerlei Sorgen?

 

Doch, ich mache mir um Europa jeden Tag Sorgen, seit vielen Jahren. Weil ich die europäische Integration nach wie vor als ein nicht von Fragilität befreites Gesamtunternehmen begreife. Es passieren dauernd Dinge, bei denen man sich fragt: Ist das eine Zäsur, ist das eine Ruptur, ist das eine Zersetzung? Aber im Endeffekt finden sich die noblen Kräfte der Europäischen Union immer wieder zusammen, um das Werk unserer Väter und Großväter weiterzutragen.

 

Aber das Aufkommen von Egoismus und Nationalismus ist nicht wegzudiskutieren. Wieso haben autokratische Regime Konjunktur?

 

Das ist kein dauerhaftes Phänomen. Das sind vielleicht zwischenzeitliche Hochmomente. Diese Hochmomente führe ich darauf zurück, dass die Geschichte schneller läuft als die Menschen, die von ihr betroffen sind. Die Erinnerung an geschichtliche Ereignisse ist unterentwickelt. Man muss sich nur vergegenwärtigen, dass es in den vergangenen Jahrzehnten in Europa und an dessen direkter Peripherie über zwei Dutzend Staatsgründungen gegeben hat. Haben wir das wirklich in unser Denken integriert, wie viele Staaten aus Jugoslawien wurden? Wie viele Staaten aus dem ehemaligen Einflussbereich der Sowjetunion hinzukamen? Die standen vor der Entscheidung: Entweder wir toben unsere wiedergewonnene Souveränität aus – auf Kosten der Nachbarn und auf Kosten der Europäischen Union! Oder wir versuchen uns einzubringen in ein sich etwas disziplinierter organisierendes Europa. Dann hatten wir die Währungsumstellung. Die Geldpolitik hörte auf, national zu sein. Die wirtschaftspolitischen Initiativen europäischer Länder mussten stärker zusammengebracht werden, als es jemals der Fall war. Der europäische Binnenmarkt, der seit 1992 funktioniert, hat viele Regularien und Bedingungen. Es ist also viel passiert, und das Leben der Menschen hat sich intensivst geändert. Dass die Menschen unter diesem erheblichen Wandel nicht richtig Tritt fassen können und sich sogar verloren fühlen in dieser neuen Welt, die da am Entstehen ist, ohne dass sie alle Elemente dieses Entstehungsprozesses begriffen haben, das ist doch klar.

 

Und in solchen Umbruchszeiten sind die Menschen empfänglicher für Populismus.

 

Natürlich. Wenn die Welt komplizierter wird, werden die Lösungsparolen einfacher. Populisten jedweder Provenienz bieten einfache Antworten an, die wie Lösungsvorschläge aussehen, aber keine sind. Meine Sorge ist, dass diese Populisten Einflusszonen für sich erobern. Dagegen muss man mit allem Wissen und Gewissen kämpfen. 

 

Sie verlangen von Europa Weltpolitikfähigkeit, um zukünftig im Gefüge der großen Mächte eine Rolle zu spielen. Wie können wir die trotz aller Fliehkräfte erlangen?

 

Meine Beobachtung ist, dass man die europäische Union von Seiten der großen Mächte bewundert für das, was sie bisher zustande gebracht hat. Viele Hoffnungen der Welt richten sich auf die Europäische Union, weil sie auf ihrem sehr komplizierten Kontinent und auch außerhalb als Stabilitätsfaktor empfunden wird. Dessen sind sich die Europäer nicht immer bewusst. Wir haben einen Hang zur Verzwergung. Aber dieser Zwerg wächst. Vor allem in Afrika und Asien denkt man, dass Europa trotz aller internen Zerwürfnisse ein Modellentwurf für eine weltweite Friedensordnung bleibt. Insofern bin ich sehr der Auffassung, dass die internationale Rolle Europas gestärkt werden muss.

 

Wie genau?

 

Mein Vorschlag ist, in einigen Fragen der Außen­politik mit qualifizierter Mehrheit zu agieren, anstatt uns weiterhin in der Enge einstimmiger Entscheidungszwänge aufzuhalten.

 

Sie plädieren für eine mutige europäische Außenpolitik der klaren Kante?

 

Rhetorischer Mut ist einfach. Mutig ist man aber nur, wenn man das Reden ins Handeln bringt. Es ist ein Unding, dass wir in Genf im Ausschuss für Menschenrechte nicht mit einer Stimme reden können, weil dieses oder jenes Land ein besonderes Verhältnis zu China entwickelt hat. Dieses Beispiel lässt sich multiplizieren in alle Himmelsrichtungen.

 

Bleiben wir bei China. Die Chinesen haben ihre Seidenstraße wieder aktiviert. Sie endet in Duisburg, im Herzen Europas. Müssen wir Angst vor dieser Expansionspolitik haben?

 

Ich habe keine Angst, aber ich nehme China ernst. Ich bewundere auch viele Leistungen der Chinesen. Ein Volk von 1,4 Milliarden Menschen jeden Tag zu ernähren, ist keine kleine Geschichte. Ich lasse mich jedoch nicht blenden von den wirtschaftlichen Erfolgen Chinas, die auch dadurch bedingt sind, dass die Kommunistische Partei durchregieren kann. China nutzt gnadenlos seine totalitären Vorteile aus. Wir haben unendliche Probleme gehabt, aber es ist mir gelungen, den Chinesen zu vermitteln, dass europäische Unternehmer denselben Zugang zum chinesischen Binnenmarkt haben müssen wie die Chinesen hier.

 

Welche Rolle spielt in solchen weltpolitischen Gesprächen überhaupt das Wertefundament der Europäer? Der französische Aufklärer Louis-Sébastien Mercier forderte schon 1771 den „tugendhaften Regenten“. Gibt es den?

 

Es gibt in meiner breiten historischen Lektüre ein Buch, das ich sehr schätze: „Die Torheit der Regierenden“ von Barbara Tuchman. Diese Torheit kann man jeden Tag besichtigen. Sie zeigt, dass die Regierenden immer wieder dieselben Einschätzungsfehler begehen und sich damit Geschichte zu ihren Ungunsten entwickelt. Aber es ist doch Europa eigen, dass Politiker wie die allermeisten Bürger seit 1945 versucht haben, ihre Lehren aus den Irrungen und Wirrungen des Kriegs zu ziehen – besser als in anderen Teilen der Welt. Ob ich nun jemanden kenne, der tugendhaft ist, dafür reicht die Über­legungszeit in diesem Gespräch nicht.

 

Haben Sie sich selber bemüht, tugendhaft Politik zu betreiben?

 

In politischen Dingen bin ich ein Tugendbold, in anderen Dingen nicht. Ich habe immer auf die selig-sentimental-herzliche Erklärung objektiver Vorgänge Wert gelegt. Ich bin der Meinung, es gibt eine Tugend, die der Menschheit innewohnt, die sie aber nicht immer pflegt. Wer Politik macht, muss die Menschen mögen, gar lieben. Wer sie nicht liebt, sollte Stahlproduzent oder Schlagersänger werden und sich fernab der zu gestaltenden politischen Zukunft bewegen. Da tut es gut, wenn man tugendhaft regiert. Politik aus negativen Ressentiments gegen andere Nationen, Gesellschaftsklassen und Menschen heraus tut den Menschen nichts Gutes.

 

Gab es dennoch Entscheidungen, die Sie gegen Ihre eigenen Werte treffen mussten?

 

Ich habe es im Referendumswahlkampf auf Wunsch der britischen Regierung unterlassen, mich zu Wort zu melden, obwohl da viele Lügen verbreitet wurden. Meine Zurückhaltung halte ich für einen Fehler. Ich glaube zwar nicht, dass das Endresultat dadurch hätte verändert werden können, aber ich hätte ein besseres Gewissen, weil ich den Lügnern Paroli geboten hätte. Und, ja, auch wenn ich mit Diktatoren in einer Runde saß, habe ich nicht alles gesagt, was mir auf der Zunge brannte.

 

Sondern?

 

Wenn ich den Eindruck hatte, dass ich nicht alles gesagt habe, was hätte gesagt werden müssen, habe ich die anschließenden Vier-Augen-Gespräche genutzt. Das führte unter den nicht sehr lupenreinen Demokraten zu mehr Respekt mir gegenüber – wobei das jetzt nichts mit den Briten zu tun hat. So ist es mir gelungen, viele Menschen aus den Gefängnissen zu bringen. Ich habe immer Listen mit politischen Gefangenen überreicht. Dort hinten im Regal steht eine Figur. Dazu gibt es eine Geschichte. Ich war Vorsitzender des Europäischen Rates, als mich dieser afrikanische Staatspräsident anruft: „Ich hätte gern diese und jene Summe als Unterstützung.“ Daraufhin sagte ich: „Und ich hätte gern, dass diese Gewerkschaftlerin aus dem Gefängnis entlassen wird, wo sie ohne Prozess einsitzt.“ Darauf ist er eingegangen – wie viele andere auch.

 

Haben Sie mitgezählt?

 

Nein. Ich bin ein kleiner Heiliger in einer großen Kirche. Die Geschichte endet übrigens so: Eines Tages hatte ich alle afrikanischen Finanzminister in Brüssel zu Gast. Ich komme aus dem Treffen heraus, und plötzlich steht da eine Frau am Rande der afrikanischen Kamerateams, überreicht mir eine Statue und sagt: „Ich verdanke Ihnen meine Freiheit!“ Ich war tief bewegt. Politik macht manchmal Sinn.

 

Steckbrief: Jean-Claude Juncker

Der Arbeitersohn wird 1954 in der luxemburgischen Gemeinde Redingen geboren. 1979 schließt er sein Jurastudium in Straßburg ab. Bevor Juncker 1995 luxemburgischer Premierminister wird, gestaltet er als Minister für Arbeit und Finanzen den Vertrag von Maastricht mit. Acht Jahre ist er Chef der Euro-Gruppe. 2014 setzt er sich als Spitzenkandidat der EVP in der Europawahl gegen seinen Freund Martin Schulz durch und wird Präsident der EU-Kommission. Das Amt übt er bis Ende 2019 aus. 



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