Die deutsche Menschenrechtlerin Düzen Tekkal fordert eine klarere Migrations- und Integrationspolitik. Dazu gehört für sie eine Auseinandersetzung mit der deutschen Identität.

 

Frau Tekkal, drei große Themen beherrschen unsere Gesellschaft aktuell – Klimawandel, Digitalisierung und Migration. Wie sehen Sie Deutschland im Jahre fünf nach der Flüchtlingskrise in Bezug auf die Migration?

 

Ich sehe das ambivalent. Gerade was das Thema Menschenwürde, Schutz von Schutzbedürftigen und Aufnahmefähigkeit angeht, sind wir zu Vorreitern geworden und damit in die Geschichte eingegangen mit unserem menschenfreundlichen Gesicht. Aber wir müssen immer noch wichtige Fragen austarieren zwischen der Willkommens- und der Ankommenskultur. Wenn Menschen die Möglichkeit haben, mehrfach einzureisen, wenn man Pässe wegschmeißen und trotzdem einreisen darf, ohne die Herkunft nachzuweisen, dann wird unsere Freundlichkeit ausgenutzt. Darauf müssen wir wehrhafte Antworten entwickeln. Wir machen auch noch immer nicht die richtige Politik, um überhaupt Migration zu verhindern – wir sind mit Teil des Problems.

 

Eigentlich ist Deutschland seit 50 Jahren Einwanderungsland. Haben wir zu wenig aus unseren Erfahrungen und Fehlern gelernt?

 

 Das Problem ist, dass wir uns nie als Einwande­rungsland definiert haben. Und der Bildungsnot­stand, der mit der ersten Generation der Gastar­beiter entstand, wurde bis heute nicht aufgeholt. Von Max Frisch stammt ja der wunderbare Satz „Wir riefen Arbeitskräfte, aber es kamen Men­schen.“ Wenn ich an meine Eltern denke, war es damals wichtig, zu arbeiten, aber nicht deutsch zu lernen. Das hat Zusammengehörigkeit verhindert. Den Menschen kann man das heute also nicht zum
Vorwurf machen. Uns zu erlauben, deutsch sein zu dürfen, hat jahrzehntelang nicht stattgefunden.

 

Weil die traumatisierten deutschen Kriegs- und Nachkriegsgenerationen erstmal ihre eigene Identität klären mussten?

 

Das spielt da sicher mit hinein. Ich erlebe oft bei Deutschen Schwierigkeiten, zu erklären, was ihr Deutschsein ausmacht. Das hat sicher mit dem deutschen Trauma zu tun. Wir haben diese Identi­tätsfrage so lange liegenlassen, bis ein Vakuum ent­standen ist, das von Hasspredigern und rechten Gruppen übernommen wurde. Ich finde die AfD nicht toll, aber man muss anerkennen, dass es ihr gelungen ist, die Identitätsfrage zu besetzen. Darauf muss man nun eine Politik entwickeln. Die Volks­parteien haben das verschlafen.

 

Was haben die Volksparteien konkret falsch gemacht?

 

Wir haben in den vergangenen Jahren und Jahr­zehnten Migrations- und Integrationspolitik für Migranten gemacht und nicht für Deutschland. Wir haben zu wenig auf unsere Werte verwiesen, so dass Migranten keine Möglichkeit hatten, sich zu integrieren – denn wo hinein denn?

 

 Sie sagen auch, dass unserer Politik die Herzenswärme fehle …

 

Ja, ich muss einen Politiker lieben können. Das ver­kennen wir komplett. Hier geht es um Menschen, ums Gefühl, ums Herz, es geht nicht nur um den Intellekt und den Kopf. Ich muss mich gut regiert fühlen. Wir müssen in Deutschland lernen, unsere Demokratie, unseren Rechtsstaat, unsere Werte besser zu würdigen und zu präsentieren und uns nicht immer schlechter zu machen, als wir sind. Ich bin wahnsinnig stolz darauf, Deutsche zu sein. Punkt. Ich kann es nicht erklären, es ist ein Gefühl.

 

 

 

 

Dieser Artikel erschien erstmalig in unserem Kundenmagazin WERTE 21.

 

 

 

 

 

 

 

Als eines von elf Kindern eines kurdisch-jesidischen Flüchtlings­paars wird Düzen Tekkal 1978 in Hannover geboren. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaft macht sie als Kriegsreporterin und Filmemache­rin auf sich aufmerksam. Mit ihrer Menschenrechts-Organisation Háwar engagiert sie sich für die Opfer des IS-Terrors. 2019 wird sie von der Bundesregierung in die Fachkom­mission Fluchtursachen berufen.

 

 

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