Gründer Christian Vollmann sieht im Internet nicht nur Chancen, sondern auch die Verpflichtung, die Welt zu verändern, Menschen zusammenzubringen.

 

 

Eine alte Fabrik in Berlin-Kreuzberg, weiß gekalkte Wände, weitläufige Räume. Mittendrin Christian Vollmann, der mit seinen Lachfältchen um die Augen aussieht, als würde er besonders oft lächeln. Das liegt womöglich an der Erfolgsgeschichte, die er in der Wohnküche des Bürolofts erzählt. Eine Geschichte, die mit einer ruhigen Kindheit im fränkischen Dormitz beginnt. „Das halbe Dorf hat sich am Sonntag in der Kirche getroffen. Handys, Internet, das gab es damals noch nicht.“ Die Eltern hatten nie eine Chance, Abitur zu machen oder zu studieren. „Aber sie haben alles dafür getan, um es den Kindern zu ermöglichen.“ 

 

Bis sich Christian Vollmann beim Fußball ein Bein brach, wollte er Arzt werden – aus Bewunderung für seinen Kinderarzt. Zwölf Wochen Gips und die Idee eines Freundes, sich HTML beizubringen, gemeinsam ein Unternehmen zu gründen und den kleinen Firmen in Dormitz Webseiten zu bauen, veränderten alles. Das war auch der Moment, in dem Christian Vollmann damit begann, an die enorme Energie des Internets zu glauben. Er studierte BWL, machte 1999 ein Praktikum bei Alando und lernte dort viel vom Gründer Oliver Samwer und dessen Brüdern. „Während dieser Zeit kam ebay und hat die Firma gekauft. Da habe ich verstanden, wie Märkte funktionieren. Mir wurde klar, dass das Internet alles umkrempeln wird.“ 

 

Im Jahr 2003 gründete er das Dating-Portal iLove, 2006 MyVideo, 2008 eDarling. Der „Business Angel“ investierte in mehr als 70 Start-ups, vertraut meist seinem Bauchgefühl. „Die besten Gründer sind die, bei denen große Visionen und gute Umsetzung zusammenkommen. Und Risikobereitschaft! Das ist auch der Grund, warum wir in Deutschland ins Hintertreffen geraten. Es gibt hierzulande eine negative Einstellung gegenüber Unternehmern.“

 

Nach drei erfolgreichen eigenen Gründungen befand er sich in einer Sinnkrise. „Mein Verständnis war bis dahin: Ich bin Gründer und logischerweise baue ich bald das nächste Unternehmen auf. Doch plötzlich fühlte sich das schal an.“ Ihm fiel Steve Jobs berühmter Satz vom „dent in the universe“ ein. Welche Delle im Universum wollte Vollmann hinterlassen? „Seit 1999 dachte ich, wir revolutionieren die Welt. Der Arabische Frühling kam und ich spürte, dass das Internet sogar Diktaturen zu Fall bringen kann.“ Doch danach fingen Probleme an – gesellschaftliche Spaltung, Landflucht, Hass-Kommentare in Sozialen Medien. „In dieser Gemengelage fand ich, dass sich die Leute eigentlich wieder mehr begegnen müssten und dass es mehr Gemeinschaften von Menschen geben sollte.“ Vollmann fiel auf, dass er selbst es nicht besser machte. Seine Nachbarn in Berlin, wo er mit Frau und drei Kindern lebt, kannte er gar nicht, die Hemmschwelle war hoch, mal eben bei denen zu klingeln.

 

Und damit hatte er seine Delle im Universum gefunden: ein kostenloses Nachbarschaftsnetzwerk, das fremde Menschen zusammenbringt. Die Idee ist: Wer sich zuerst online verabredet, dem fällt der analoge Schritt danach leichter. Vollmann gründete 2015 nebenan.de. Inzwischen hat das Netzwerk 1,5 Millionen Nutzer. 70 Angestellte füllen in Berlin zwei Fabriketagen. Eine gemeinnützige, durch Spenden finanzierte Stiftung initiiert Feste, es gibt erste Firmenableger in Frankreich, Spanien und Italien. Vor allem aber weiß Vollmann von vielen Geschichten über Menschen, die nebenan.de zusammengeführt hat – von Leih-Omis bis zu Hobbygärtnern. Finanziert wird das Netzwerk über freiwillige Beiträge, lokale Werbung und städtische Kooperationen. Christian Vollmann, der inzwischen auf einer Hängematte Platz genommen hat, wirkt beim Blick auf sein Werk tiefenentspannt: „Mir geht es unheimlich gut, denn heute habe ich das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles für andere zu tun.“ 

 

 

Dieser Artikel erschien erstmalig in unserem Kundenmagazin WERTE 21.

 

 

 

 

 

 

 

Auf nebenan.de kann man kostenlos mit seiner direkten Nachbarschaft in Kontakt treten, sich gegenseitig helfen, Dinge tauschen, verleihen, sich verabreden. Inzwischen nutzen rund 1,5 Millionen Menschen Deutschlands größte Nachbarschaftsplattform. Gegründet wurde das Start-up 2015 von Christian Vollmann, Till Behnke, Ina Remmers, Matthes Scheinhardt, Michael Vollmann und Sven Tantau.

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