China: ein Blick hinter die Kulissen

Wird Präsident Xi, nachdem der Kongress der Kommunistischen Partei Chinas jetzt beendet ist, einen neuen wirtschaftspolitischen Kurs einschlagen oder den bisherigen beibehalten?

Veröffentlicht: 03 Nov 2017

Der Kongress der Kommunistischen Partei Chinas ist beendet, und kurz darauf fand die Wahl eines neuen Politbüros und Ständigen Ausschusses statt. Die Verfassung der Partei wird von nun an „Gedanken von Xi Jinping über Sozialismus mit chinesischen Merkmalen für ein neues Zeitalter“ erwähnen. Damit wird zum ersten Mal seit Mao Zedong einem aktuellen Parteiführer diese Ehre zuteil, was eine weitere Stärkung von Xis Stellung in der Partei bedeutet. Das neue Politbüro und sein Ständiger Ausschuss werden Xi starke Rückendeckung geben, und es sind keine offensichtlichen Nachfolgekandidaten darin zu finden. Dies könnte bedeuten, dass Xi, dessen zweite fünfjährige Amtszeit als Generalsekretär der Partei jetzt beginnt, sich entscheiden könnte, noch länger an der Macht zu bleiben.  

„Die chinesische Politik ist weitaus vielschichtiger, als man meinen könnte.“

Aber wurde bei dem Parteikongress eine neue Richtung für die Politik- und Wirtschaftssteuerung vorbereitet, oder ist stattdessen Kontinuität zu erwarten? Wie effektiv wird Chinas Regierung künftig in der Lage sein, angesichts des veränderten globalen Umfelds die Wirtschaft des Landes zu steuern? Und welche Rückwirkungen wird Xis Vorhaben, durch eine verstärkte wirtschaftliche und militärische Präsenz „China wieder groß zu machen“, auf seine inländische Wirtschaft haben? 

 

Ein klares Thema ist das der Kontrolle, zu erkennen beispielsweise an der Tatsache, dass Xi Autorität in der Partei ausübt und seinen Kampf gegen Korruption fortsetzt. Ein weiterer wichtiger Punkt sind die neuen Mitglieder in Politbüro und Ständigem Ausschuss. Zudem will Xi die Politik noch stärker unter die Kontrolle der Partei bringen, wobei die chinesische Politik unserer Ansicht nach deutlich vielschichtiger und weniger harmonisch ist, als es den Anschein hat.

 

Die zunehmende Bedeutung kleiner Führungsgruppen – insbesondere für weitreichende Reformen – signalisiert die Überzeugung, dass mehr Machtkonzentration funktionieren wird; wir würden jedoch argumentieren, dass sie auch Risiken mit sich bringt. Mehr Machtkonzentration könnte die Umsetzung schwieriger Reformen erleichtern, ebenso aber die Fähigkeit der Volkswirtschaft schwächen, auf unerwartete Ereignisse zu reagieren.  

„Xi ist jetzt in der Lage, politisch in jede von ihm gewünschte Richtung zu gehen.“ 

Ein Blick auf die langfristigen wirtschaftlichen Ziele von Xi erlaubt uns eine genauere Einschätzung von Chinas derzeitiger wirtschaftlicher Lage. Wir sind der Ansicht, dass das den Erwartungen nach weiterhin hohe Wirtschaftswachstum der People's Bank of China (PBoC) und anderen Regulatoren mehr Spielraum für eine straffere Geldpolitik geben wird, ohne dass sie fürchten müssen, eine Verlangsamung zu provozieren. Außerdem sind wir der Meinung, dass die Lösung des Schuldenproblems noch lange Zeit in Anspruch nehmen wird und dass eine Schuldenkrise zwar unwahrscheinlich ist, aber dennoch durch externe wie inländische Faktoren ausgelöst werden könnte.  
 

Jegliche Richtungsänderungen bei der chinesischen Politik- und Wirtschaftssteuerung lassen auch Folgen für die Geldanlage erwarten. Auf gewisse Weise läuft in China das größte politische Experiment aller Zeiten: Das Land versucht, eine Alternative zu freier Demokratie zu finden, deren endgültige Form noch offen ist. Dieser Prozess wird einige Zeit in Anspruch nehmen, was für Anleger bedeutet, dass sie das komplexe Wechselspiel von politischen Kräften hinnehmen müssen. Xi ist zwar, wie oben erwähnt, für die Umsetzung radikaler Reformen sehr gut positioniert, bislang aber gibt es kaum Hinweise für einen Richtungswechsel. 

„Die Öffnung des Dienstleistungssektors scheint weiter eine Priorität für die kommenden Jahre zu sein.“

Xis Eröffnungsrede auf dem Parteikongress spricht dafür, dass die Öffnung des Dienstleistungssektors weiter eine Priorität für die kommenden Jahre ist, ebenso wie eine bedeutendere Rolle für Märkte und weitere Reformen bei Staatsbetrieben. Bedeutende Änderungen bei der Kapitalbilanz oder beim Währungsregime halten wir allerdings nicht für wahrscheinlich. Die mehrgleisigen Bemühungen um eine Verringerung der Verschuldungsquote werden sich unserer Einschätzung nach fortsetzen, und eine wesentliche geldpolitische Lockerung ist nicht zu erwarten.

 

Vor diesem Hintergrund sehen wir chinesische Aktien allgemein positiv; mehrere Sektoren bieten interessante Gelegenheiten, und es sind eine Reihe von neuen längerfristigen Anlagethemen zu erkennen, beispielsweise im Bereich Infrastrukturinvestitionen. Bei Anleihen in China wird es weiterhin gewisse Risiken geben. Allgemein sehen wir Schwellenländeranleihen jedoch nach wie vor positiv. Rapide Veränderungen beim Wechselkurs erwarten wir nicht. 


Markus Müller

Global Head 

CIO Office

 

Tuan Huynh

CIO Asia