Längst geht es bei Bürobauten nicht mehr nur um Arbeitsplatzgestaltung. Die besten neuen Bürogebäude verbinden die Leistungen führender Architekten mit Nachhaltigkeit und einem ganzheitlichen Ansatz zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden. Das steigert die Zufriedenheit der Mitarbeiter – und deren Produktivität

 

Die Diskussion rund um Unternehmensarchitektur verändert sich genauso schnell wie die urbane Landschaft unserer Weltstädte. Vor nicht allzu langer Zeit waren Sonnenkollektoren auf den Gebäuden der letzte Schrei, doch da ging die Nachhaltigkeits-, Öko- und Wellness-Debatte gerade erst los.

 

Im Jahr 2018 dreht sich die Diskussion um zahlreiche Details – von der Frage, wie sich die Farbtemperatur der Beleuchtung auf die Produktivität auswirkt, bis hin zum quantifizierbaren Marktwert nachhaltiger Bauinitiativen für eine Marke. Standards für solche Details werden von verschiedenen Organisationen wie dem International WELL Building Institute (IWBI) und dem US Green Building Council (USGBC) festgelegt.

 

Als 2017 in London Bloombergs neue von Foster + Partners entworfene Europazentrale eröffnet wurde, machte das Gebäude wegen seines nachhaltigen Konzepts Schlagzeilen, das sich an der persönlichen Philosophie von CEO Michael Bloomberg und dem Umweltprogramm Bloomberg Philanthropies orientierte. Gemäß dem Öko-Zertifizierungssystem BREEAM (Building Research Establishment Environmental Assessment Method) wurde das Gebäude mit 98,5 % bewertet – der höchste Wert aller Zeiten für ein Bürogebäude dieser Größenordnung. Auch wenn es der Skyline der Stadt in puncto Höhe und visueller Wirkung nicht viel hinzufügt, erzählt das Gebäude eine Geschichte, die kein Instagram-Post einfangen kann.

 

Drei Jahre zuvor hatte die Londoner Firma PLP Architecture im Amsterdamer Finanzviertel Zuidas ein Gebäude mit dem Namen The Edge enthüllt. Neun Jahre hatten die Architekten mit ihrem Klienten Deloitte und dem niederländischen Immobilienunternehmen OVG zusammengearbeitet. 2016 wurde das 40.000 m² große Smart Building mit dem BREEAM Office New Construction Award ausgezeichnet. The Edge ist nicht nur ein dynamisches neues Wahrzeichen für Amsterdam, sondern ein innovatives Paradigma dafür, wie sich Architektur, Nachhaltigkeit und Business verbinden lassen.

 

„Den Anstoß zur Entwicklung gab Deloitte, das gerade einen digitalen Umbruch erlebte“, sagt Ron Bakker, Partner bei PLP Architecture. „Dort fragte man sich, wie man in Zukunft seine Klienten beraten würde. The Edge galt als das Büro der Zukunft. Deloitte unterzeichnete einen 15-Jahres-Mietvertrag mit OVG, so dass sich alles, was Deloitte dem Projekt an nachhaltigen Details hinzufügte, für OVG binnen 10 Jahren als Mehrwert niederschlagen würde. Als das Gebäude an [den deutschen Investor] Deka verkauft wurde, machte OVG einen guten Schnitt. Es war eine Investmentstrategie – die Nachhaltigkeit stellte einen großen Wert dar.“

 

Wie bei Deloitte und OVG werden die Dinge in Zukunft ständig ablaufen. Eine Studie des World Business Council for Sustainable Development besagt, dass die viel zitierte Beobachtung, eine ökologische Bauweise erhöhe die Baukosten um 17 Prozent, gar nicht stimmt: Tatsächlich kostet es keine 2 Prozent mehr, und der Wert eines Gebäudes steigt zugleich um 6 Prozent.

 

Doch der Mehrwert, den die Sorge um Nachhaltigkeit einer Marke verleihen kann, geht weit darüber hinaus. Als der Baukonzern Skanska 2014 in Stockholm seinen neuen globalen Hauptsitz Entré Lindhagen bezog, verkündete das Unternehmen, man werde im neuen Firmensitz im Vergleich zu herkömmlichen schwedischen Gebäuden 55 Prozent Wasser und 55 Prozent Energie einsparen. Doch das war längst nicht alles, wie Skanska-Projektmanager Magnus Hellsten erklärt: „Entré Lindhagen zeigt, dass wir beim Öko-Hausbau halten, was wir versprechen. Es ist ein Vorzeigeprojekt und soll potenzielle Kunden inspirieren, die sich für umweltfreundliche Gebäude interessieren und Betriebskosten sparen wollen.“

 

Im Grunde handelt es sich bei Entré Lindhagen laut Skanska um eine 180 Millionen US-Dollar teure Werbemaßnahme. Ein weiterer marketingrelevanter Pluspunkt des umweltfreundlichen Firmensitzes ist die Zertifizierung „LEED Platinum Core & Shell“ des USGBC – eine höhere Auszeichnung für das Design und die Konstruktion eines Gebäudes gibt es kaum. Die Zertifizierungen LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) und BREEAM (1990 vom britischen Building Research Establishment ins Leben gerufen) haben Nachhaltigkeit quantifizierbar gemacht. Heute gibt es weltweit mehr als 40 000 kommerzielle und institutionelle LEED-zertifizierte Projekte.

 

Das LEED-Bewertungssystem wurde vor fast 20 Jahren vom USGBC eingeführt, um ein messbares Werkzeug für den Hausbau zu schaffen. „Herz und Seele des USGBC sind unsere fast 12.000 Mitgliedsorganisationen mit 13 Millionen Angestellten“, sagt Ratspräsident und CEO Mahesh Ramanujam. „Dieses Netz eint der feste Glaube daran, dass die Öko-Hausbau-Bewegung in der Lage ist, unsere Welt zum Besseren zu verändern.“

 

Das sind keine bloßen Annahmen, alles lässt sich mit Daten und Zahlen belegen. „Wenn sich man beispielsweise den Immobiliensektor ansieht“, sagt Ramanujam, „fordern Investoren, Aufsichtsbehörden, Kunden und andere Akteure mehr und mehr Transparenz, was die Umwelt-, Sozial- und Governance-Leistung (ESG) von Immobilienportfolios angeht.“

 

So entstand der Global ESG Benchmark für Immobilien, der von GRESB gemessen wird, einer in Amsterdam ansässigen Investorenorganisation, die die ESG-Leistung bewertet, um Unternehmenswerte zu steigern und zu schützen. Laut CEO Mahesh Ramanujam hat GRESB weltweit mehr als 200 Mitglieder, die über ein Vermögen von über 11 Billionen US-Dollar verfügen und im Rahmen ihrer Investment-Management- und Engagement-Prozesse die Daten von GRESB nutzen.

 

 

Aufsichtsbehörden fordern mehr und mehr Transparenz, was die Umweltleistung von Immobilienportfolios angeht

Es gibt aber auch diverse Unternehmen mit internationaler Reichweite (insbesondere solche mit Verbindungen zu den Marktsegmenten Luxus und Design), die ihren Sitz in Gebäuden haben, die zu einer Zeit entstanden, als es das Wort „Nachhaltigkeit“ noch gar nicht im allgemeinen Sprachgebrauch gab. Die Uhrenmarke Omega und ihre Muttergesellschaft Swatch beispielsweise haben sich für ihren 2017 eröffneten Hauptsitz in Biel (Schweiz) mit dem japanischen Architekten Shigeru Ban zusammengetan, der vielen als „König der grünen Architektur“ gilt. Die Grundkonstruktion besteht aus Holz, dem einzigen erneuerbaren Baumaterial der Welt, beinhaltet aber mehrere denkmalgeschützte Gebäude, die Omega gehören. Historische Gebäude so umzubauen, dass sie den LEED- und BREEAM-Standards entsprechen, ist nahezu unmöglich.

 

Als der französische Luxuskonzern Kering 2016 in sein neues Pariser Hauptquartier zog, das ehemalige Laennec Hospital, stellte das Gebäude das Unternehmen vor einzigartige Herausforderungen. „Es ist ein historisches Gebäude aus dem 18. Jahrhundert“, sagt Géraldine Vallejo, Leiterin des Nachhaltigkeitsprogramms von Kering. „Unsere Umbauten sorgten vor allem für eine bessere Energieleistung, mit Echtzeit-Energiemanagement und energieeffizienten Geräten. Heute ist es das erste historische Gebäude mit Zertifizierung nach BREEAM und HQE.“

 

Und es ist noch in anderer Hinsicht innovativ, sagt Géraldine Vallejo: „Wir kümmern uns auch um das Wohlbefinden der Mitarbeiter, und das hat gar nicht direkt mit dem Bau zu tun. Es geht darum, wie die Leute arbeiten. Wir haben einen Garten mit einem Bienenstock, wir bieten Mitarbeitern die Möglichkeit, von zuhause aus zu arbeiten, und einmal im Monat kommt ein Masseur ins Haus.“

 

In den neuen vom Architekturbüro Gensler entworfenen Büroräumen von Adobe im Osten Londons gibt es Entspannungsräume und ein eigenes Zimmer für Mütter. Gensler schuf auch sogenannte „dritte Räume“, die die Kommunikation zwischen verschiedenen Gruppen verbessern. Das Gebäude, die White Collar Factory, besitzt die LEED-Zertifizierung der höchsten Stufe, Platin.

 

 

Investitionen in eine verbesserte Arbeitsumgebung wirken sich positiv auf die Produktivität und Leistung von Mitarbeitern aus

Bei Neubauten wird immer häufiger auf das spätere Wohlbefinden der Mitarbeiter geachtet. Beim Gebäude von Skanska bauten die Architekten ein modernes energieeffizientes Lüftungssystem ein: „Das sorgt für ein gleichmäßiges Raumklima und schafft eine zugfreie Umgebung“, erklärt Hellsten. „Eine gute Luftzirkulation verringert krankheitsbedingte Ausfallzeiten und verbessert die Leistung der Mitarbeiter.“

 

Ein grüner Ansatz in der Architektur nützt der Umwelt, ein ganzheitlicher Ansatz für das Wohlbefinden der Mitarbeiter nützt dem Tagesgeschäft. Auch dieser Faktor wird von gut organisierten Initiativen zertifiziert. Eine der prominentesten ist das IWBI in New York, das 2014 den WELL Building Standard ins Leben rief – das erste Bewertungssystem für Gesundheit und Wohlbefinden von Menschen in Gebäuden.

 

„Der WELL-Standard trägt zur Transformation des modernen Arbeitsplatzes bei“, erklärt Rick Fedrizzi, Vorstandsvorsitzender und CEO des Instituts. „Rund 90 Prozent der Ausgaben eines Unternehmens sind an Gehalt und Sozialleistungen gebunden, und Investitionen in verbesserte Arbeitsumgebungen und eine Kultur, die ein gesünderes Verhalten fördert, schlagen sich direkt in der Produktivität und Leistung der Mitarbeiter nieder. Bei Gebäuden haben wir bereits so gute Fortschritte gemacht, dass wir uns jetzt auf die Menschen konzentrieren sollten und darauf, wie bessere Gebäude den Menschen selbst zugutekommen.“

 

Bei den WELL-Initiativen geht es auch um die Qualität der Luft,um Beleuchtung, Bewegung und Ernährung. Doch eine WELL-Zertifizierung zu erhalten, ist nicht einfach – jedes registrierte Projekt durchläuft mehrere Beurteilungsrunden, wird gründlich dokumentiert und überprüft. Stets wird vor Ort getestet, ob die theoretischen Entwürfe auch in der Praxis funktionieren. Seit dem Start von WELL im Jahr 2014 sind weltweit mehr als 750 Projekte registriert oder zertifiziert worden. Offenbar gibt es bei vielen Unternehmen einen großen Bedarf für das, was die Initiative anbietet. Aus Europa sind fast 170 Projekte aus 13 Ländern dabei, und die Bewegung wächst rasant; immer öfter wird der Wellnessaspekt von vorneherein in das Design eines Gebäudes eingebunden.

 

Der Turm, den PLP Architecture in 22 Bishopsgate in London baut, ist eines von zwei Dutzend für eine WELL-Zertifizierung registrierten Projekten in Großbritannien. Bewertet werden auch Kunst und Freizeit, eine Kletterwand und Orte, an denen die Mitarbeiter ein Nickerchen machen können. „Ich glaube, die Öko-Bau-Debatte hat sich ein wenig beruhigt“, sagt Bakker von PLP. „Jetzt geht es eher um die WELL-Standards, also um den Menschen. Nach 25 Jahren in der Branche finde ich es recht erstaunlich, dass man sich erst jetzt um die Leute kümmert, die in den Gebäuden arbeiten.“

 

Es gibt heute einen harten Konkurrenzkampf zwischen den diversen Finanz- und Tech-Unternehmen. Alle wollen die besten Talente, und die schauen genau hin, was ein Unternehmen zu bieten hat. Dabei geht es gar nicht unbedingt nur um das höchste Gehalt, um eine moderne Kantine oder irgendwelche Spiel-Stationen. Es geht um ganz ernsthafte Aspekte, die das Leben besser machen. Da wir heute rund 90 Prozent unserer Lebenszeit in Gebäuden verbringen, ist es vor allem das Design und Konzept der Arbeitsumgebung, mit dem Unternehmen in Zukunft punkten werden.

 

 

Mark C. OʼFlaherty ist Autor und schreibt für Financial Times, Daily Telegraph und andere Medien über Design, Reisen, Luxus- und Lifestyle

 

 

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