Zeit für Resultate

Wie die Rhetorik ihren Weg in die Realität findet

Das Jahr 2017 war bisher insbesondere durch eine positive Entwicklung vor allem chancenorientierter Anlageklassen geprägt. Diese Entwicklung fand jedoch im Schatten der nach wie vor unorthodoxen Geldpolitik zahlreicher Zentralbanken und der anhaltenden politischen Unsicherheit in einigen Regionen der Welt statt. Diese Hausse an den Aktienmärkten wurde vornehmlich durch den sogenannten  ͈Trump-Trade" induziert, d.h. von der Vorwegnahme möglicher fiskalischer Stimuli seitens der neuen US-Administration, wie zum Beispiel erhöhte Infrastrukturausgaben und eine Reform des US-amerikanischen Steuersystems. Aber auch der Wahlausgang der französischen Präsidentschaftswahl unterstützte dieses positive Marktsentiment.

 

Fast ein Jahrzehnt nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise, die ihren Anfang im Jahre 2008 hatte, kann von einer stetigen und sogar einer teilweise über dem Trend liegenden wirtschaftlichen Erholung gesprochen werden, z.B. in der Europäischen Währungsunion. Dies wird nun von vielen Marktteilnehmern mit einer entsprechend positiven Risikofreude honoriert. Weitere Anzeichen dieser positiven wirtschaftlichen Situation zeigen sich in sich erholenden Arbeitsmärkten, aber auch darin, dass die US-amerikanische Notenbank die Zinsen bereits zum zweiten Mal angehoben hat. Auch sogenannte weiche Sentimentindikatoren untermauern dieses Stimmungsbild seitens der Verbraucher und Unternehmen.

 

Es scheint sich eine Änderung der Denkweise der Mehrheit der Investoren zu vollziehen; weg von der Devise  ͈schlecht muss gut sein" hin zur Suche nach echten Chancen.  ͈Schlecht muss gut sein" prägten die vergangenen Jahre, denn es konnte davon ausgegangen werden, dass  ͈schlechte" Daten die Wahrscheinlichkeit für weitere quantitative geldpolitische Eingriffe erhöhten.

 

Jedoch muss auch klar herausgestellt werden, dass dieser Wandel nicht ohne Risiken einhergeht. Auch wenn die US-Notenbank die Zinsen bereits erhöht hat, ist davon auszugehen, dass die Zinsen in anderen Industrieländern weiterhin niedrig bleiben werden. Dies könnte Investoren weiter dazu anhalten, nach alternativen Renditequellen Ausschau zu halten. Dies stellt jedoch, wie wir alle wissen, keine Garantie für eine Fortschreibung der jüngsten Entwicklung dar. Denn auch  ͈die Märkte" können die Zukunft nicht vorhersagen. Es wird ein Ränkespiel auf der Suche nach Opportunitäten bleiben.

 

 

Dabei ist auf politischer Ebene nicht auszuschließen, dass die Agenden der gewählten Regierungen nicht vollständig umgesetzt werden können. So könnte zum Beispiel die neue Administration in den USA Hürden vor sich haben, die geplanten fiskalpolitischen Maßnahmen vollständig vom US-Kongress ratifiziert zu bekommen. Auch der eingeleitete Brexit könnte nicht ganz reibungslos von der Hand gehen und somit an der einen oder anderen Stelle zu Unsicherheit führen. Es bleibt ein inhärentes Risiko bestehen, auch wenn dieses nicht unser Hauptszenario ist, dass aktuelle und anstehende politische Entscheidungen grundlegende Veränderungen in Europa herbeiführen könnten. Auch trotz unserer positiven makroökonomischen Einschätzung zu China sehen sich die chinesischen Entscheidungsträger großen Herausforderungen ausgesetzt.

 

Es ist notwendig, dass sich vor allem aufgrund der bestehenden latenten Risiken die aktuelle positive Entwicklung an den internationalen Finanzmärkten und in der Ökonomie weiter fortsetzt und letztendlich auch in den Unternehmensgewinnen deutlich wird; dies wird jedoch wohl eher ein schrittweiser Prozess sein, wobei politische Rückschläge und Enttäuschungen eine unmittelbare negative Auswirkung haben könnten.

 

Wir gehen somit davon aus, dass die internationalen Finanzmärkte über die nächsten Monate nicht vor potentiellen Rückschlägen gefeit sind. Dies ruft Erinnerungen an das vergangene Jahr wach und verdeutlicht uns einmal mehr, dass wir in politisch unsicheren Zeiten leben. Viele der Probleme, die das letzte Jahrzehnt geprägt haben, sind noch immer nicht gelöst. Trotz möglicher weiterer Zinsanhebungen der US-Notenbank, befinden wir uns nach wie vor in einem äußerst ungewöhnlichen Umfeld. Die Geldpolitik ist weiterhin in einigen Industrieländern expansiv, viele Staaten weisen nach wie vor hohe Haushaltsdefizite auf, und in einigen Bereichen der Gesellschaft steigen die sozialen Belastungen an. Das Konzept des „Integrativen Wachstums“ ist noch immer ein schwer zu erreichendes Ziel für die meisten Volkswirtschaften und Regierungen; Marktgewinne allein werden diese Probleme nicht beheben können.

 

Wie soll ein Privatanleger in einem derartigen Umfeld agieren? Wenn Märkte sich häufig durch rationale Irrationalität auszeichnen, dann sollte ein Privatanleger die Denkweise eines optimistischen Pessimisten anstreben. Er sollte im Hinblick auf das Ende einer Hausse pessimistisch eingestellt sein und niemals glauben, „dieses Mal ist alles anders“, um es mit den berühmten Worten von Reinhart-Rogoff zu sagen. Dennoch sollte er optimistisch in Bezug auf mögliche Gewinne sein, und das nicht nur im Hinblick auf vorübergehende Marktgewinne, sondern auch auf langfristige Möglichkeiten – zum Beispiel im Zuge des technologischen Wandels.

 

Dafür ist ein aktives und hinterfragendes Investmentverhalten unabdingbar. Dazu muss man beispielsweise in der Lage sein, Unterschiede zwischen kurzfristigen Marktrückschlägen und längerfristigen Ereignissen mit größerem Ausmaß zu erkennen und dementsprechend zu handeln. Wie uns der Brexit und die Trump-Präsidentschaft beispielhaft klarzeigen, müssen Anti-Konsens-Ansichten auf Basis ihrer wahrscheinlichen Auswirkung evaluiert werden, und nicht je nachdem, ob man ihnen zustimmt oder nicht. Anleger sollten nicht annehmen, dass die aktuell doch recht niedrige Volatilität für immer anhalten wird; tatsächlich hat die Volatilität an den Anleihe- und Devisenmärkten bereits zugenommen. Eventuell müssen Anleger sich auch künftig in rationaler Irrationalität üben: Fast ein Jahrzehnt nach der Finanzkrise besteht die Gefahr, dass wir zu sehr daran gewöhnt sind, die Dinge aufgrund bestehender Risiken statt im Hinblick auf die möglichen Chancen zu bewerten. Zahlreiche Investitionsmöglichkeiten werden sich auftun – und Anleger sollten diese nutzen.

 

 

 

Christian Nolting
Global Chief Investment Officer
Deutsche Bank Wealth Management

Quelle: CIO Insights, 2. Quartal 2017