Karolien Notebaert ist überzeugt davon, dass sich ­unternehmerischer Erfolg, Antrieb und Leistung physiologisch erklären lassen. Hier schreibt die Neurowissenschaftlerin, wie wir unsere Leistung optimieren und zugleich Stress mindern können.

 

Was ist Leistung? Leistung ist Ihr Potenzial abzüglich Ihrer inneren Interferenzen. Stellen Sie sich vor, Sie haben vor dem Spiegel eine hervorragende Präsentation abgeliefert; am selben Tag halten Sie sie vor dem Vorstand, und nichts klappt. Was ist passiert?

 

Dauernd werden wir davon abgehalten, unser volles Potenzial zu entfalten. Schuld daran sind sogenannte innere Interferenzen wie Angstgefühle, Stress oder Nervosität. Sie mindern unsere Leistung deutlich. Doch wie können wir unser volles Potenzial nutzen und unsere Leistung steigern? Das Rezept dazu ist das, was Wissenschaftler als «Selbstregulierung» bezeichnen. Sie ist noch wichtiger als Intelligenz.

 

Die meisten unserer Interferenzen werden durch ein kleines Kerngebiet im Gehirn verursacht, die Amygdala. Sie spielt eine zentrale Rolle für unsere Emotionen und ist verantwortlich für Stress und vor allem Angstreaktionen. Da die Amygdala so wichtig für Ihr Überleben ist, wird sie besonders schnell aktiviert («Ein Tiger! Schnell weg hier!»). Sie wird aber auch aktiviert, wenn keine wirkliche Gefahr besteht, zum Beispiel bei einer Diskussion mit Ihrem Boss («Kämpfen!»).

 

Unsere Angst/Stress-Reaktion reguliert der präfrontale Cortex (PFC). Allerdings benötigt der PFC einige geistige Anstrengung, um aktiviert zu werden. Nur dann hilft er uns, ruhig zu bleiben und über unsere Handlungen nachzudenken. Ausserdem ist der PFC für viele unserer exekutiven Funktionen wichtig, wie das Analysieren von Informationen und das Lösen von Problemen. Die schlechte Nachricht? Der PFC ist wie ein Akku mit begrenzter Kapazität. Da die meisten unserer täglichen Aktivitäten den PFC erfordern, sind viele irgendwann buchstäblich «erschöpft». In diesem Zustand werden wir viel stärker von unserer Amygdala als vom PFC getrieben. Die Folge: Es geht uns nicht gut.

 

Was also braucht das Gehirn, um PFC-Energie zu sparen und die Amygdala-Aktivierung einzudämmen? Idealerweise eine Selbstregulierungs-Strategie, die sich nicht auf den PFC stützt, aber dennoch die Amygdala-Aktivierung reduziert. Viele neuere Studien nennen als eine der mächtigsten Selbstregulierungsstrategien die Achtsamkeitsmeditation und ihre Integration in den Alltag. Wenn man sie regelmässig praktiziert, erhöht dies die Exekutivfunktionen und kann sogar die Amygdala schrumpfen lassen – die wichtigste Quelle unserer inneren Interferenzen!

 

Achtsamkeit hat nichts mit Duftkerzen, ätherischen Ölen oder Walgesängen zu tun. Es geht nur darum, von einem wichtigen Netzwerk in unserem Gehirn auf ein anderes umzuschalten, nämlich vom Default Mode Network (DMN) auf das Direct Experience Network (DEN). Das DMN ist meistens aktiver. Es produziert unsere Gedanken (und damit Stress und Emotionen) und ist fast so etwas wie unser Autopilot. Unser DEN hingegen wird aktiviert, wenn wir etwas ohne zu werten einfach nur über einen unserer Sinne wahrnehmen. Das DEN lässt sich ganz einfach aktivieren, indem man seine volle Aufmerksamkeit zum Beispiel auf seine Atmung lenkt oder auf das, was man auf der Haut spürt.

 

Die gute Nachricht: Es besteht eine negative Korrelation – wenn wir das DEN aktivieren, wird automatisch das DMN, unser Autopilot, deaktiviert. Es ist schon eine seltsame Ironie, dass etwas, das eigentlich dazu dient, uns in einer feindlichen Umgebung das Leben zu retten, uns heutzutage vielfach behindert. Aber immerhin haben wir eine mentale Reset-Taste parat, um unserer Leistung neuen Schwung zu geben.

 

Autor: Karolien Notebaert. Veröffentlich in WERTE Nr. 5, Kundenmagazin Deutsche Bank Wealth Management.

Hinweis: Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Wertentwicklungen. Die hier dargelegten zukunftsgerichteten Erklärungen stellen die Beurteilung des Autors zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Materials dar. Zukunftsgerichtete Erklärungen beinhalten wesentliche Elemente subjektiver Beurteilungen und Analysen sowie deren Veränderungen und/oder die Berücksichtigung verschiedener, zusätzlicher Faktoren, die eine materielle Auswirkung auf die genannten Ergebnisse haben könnten. Prognosen basieren auf Annahmen, Schätzungen, Ansichten und hypothetischen Modellen oder Analysen, welche sich als falsch heraus stellen können.