Tech Hubs

Start-ups im Silicon Valley haben die Welt verändert. Doch Ideen und Innovationen gedeihen längst auch an anderen Orten der Welt. Rhymer Rigby stellt vier internationale Tech-Hubs vor, die man im Blick haben sollte.

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Austin, Texas

 

Die untypischste aller texanischen Städte ist ein wichtiger aufstrebender Tech-Hub. Google, Amazon und Apple haben allesamt eine bedeutende Präsenz hier, der PC-Riese Dell sitzt in der Nachbarstadt Round Rock. Doch damit nicht genug: Im Kauffman-­Index, der unternehmerische Aktivitäten misst, belegt Austin als Stadt mit der höchsten Rate neuer Start-ups in den USA Platz 1.

 

Vor allem aber ist Austin als Gastgeber des SXSW (South by Southwest) bekannt, das mehrere Festivals und Konferenzen in den Bereichen Film, Musik und interaktive ­Medien vereint. Hier wurde zum Beispiel 2007 Twitter der Öffentlichkeit vorgestellt.

 

«Austin hat eine grossartige Kulturszene, eine tolle Musikszene und eine spannende Gastroszene. Man sagt, es sei die grösste Kleinstadt der USA», so Barbary Brunner, CEO des  Austin Technology Council. «Austin ist eine sozial und politisch progressive Stadt in einem konservativen Bundesstaat. Wir sind der sprichwörtliche Hecht im Karp­fenteich.» Die relativ niedrigen Lebens­haltungskosten sind ebenfalls attrak­tiv, und anders als ­Kalifornien und New York ist Texas ­bekannt dafür, wie wenig sich der Staat in die Belange von Unternehmen einmischt.  Allerdings gibt es auch hier ein paar negative Faktoren.

 

Trotz Investoren wie ATX Seed Ventures und dem Mercury Fund ist die Finanzierung von Projekten oft schwierig. Eine Studie der St. Edwards University in  Austin ergab, dass es in Zentral-Texas nur 144 Finanzierungsquellen gibt, im Vergleich zu 785 im ­Silicon  Valley, 739 in New York und 371 im Mittleren  Westen. «Wir haben in Austin ein wachsendes Investitionsnetzwerk, aber es ist nicht so überentwickelt wie in anderen Metropolen», so der ­Leiter der Studie, ­Professor David  Altounian.

 

Barbary Brunner sagt, Austins Herausforderung ­liege in der Förderung von Unter­nehmern. Nur ein paar ­Unternehmen hätten bisher für Resonanz ausserhalb Austins gesorgt – das Analytik-Unternehmen ­TrendKite etwa, Reaction Housing, welches ­Unterkünfte für Katastrophenopfer herstellt, sowie Resignation ­Media, das die Fotoentertainment-Website theCHIVE pro­duziert. Doch das sind Ausnahmen von der Regel. Der nächste Schritt der Stadt, so Brunner, «führt von der Nummer 1 bei den Start-ups zur Nummer 1 bei mittelständischen Unternehmen». Hugh Forrest, Direktor des Festivals SXSW Interactive, sieht das ähnlich: «Um aus dieser Situa­tion herauszukommen, brauchen wir mehr hochkarätige, bahnbrechende Start-ups.»

 

Einwohner: 1.790.000

BIP pro Einwohner: US$57.300

Rang Geschäftsfreundlichkeit: 8 (Neuseeland = 1)

Rang Lebenshaltungskosten: k.A. (Houston = 31; Singapur = 1)

Warschau, Polen

 

Ende 2015 erhielt  Warschau so etwas wie die offizielle  Anerkennung als Tech-Hub, als ­Google im Stadtteil Praga einen Campus eröffnete. Der US-Konzern erklärte, er habe sich für Warschau entschieden, weil Polen Softwareentwickler und Programmierer von  Weltklasse sowie eine lebendige Start-up-Community besitze (weitere Campus-Standorte: London,  Tel  Aviv, Seoul).

 

«In Warschau gibt es viele Tech-Talente», so Kasia Bocheńska, Ecosystem-Development-Manager bei  TechHub Warsaw, einem Partner von Google. «Ausserdem sind die Gehälter viel niedriger als in anderen EU-Ländern.» Ein Beispiel: Laut dem Vergleichsportal Payscale beträgt das Durchschnittsgehalt eines Net-Entwicklers in London 37 890 USD, in Warschau aber nur 24 111 USD.

 

Polen ist der am schnellsten wachsende Wirtschaftsstandort in Europa und hat bereits eine ganze Reihe Start-up-Erfolge aufzuweisen. Da ist zum Beispiel die Lernplattform Brainly mit über 60 Millionen Nutzern zu nennen. Oder die ­Seite DocPlanner, auf der man Ärzte benoten kann und die sich im vergangenen Jahr in der letzten Finanzierungsrunde 20 Millionen US-Dollar sichern konnte. Oder das Marketing-Tool für Social Media Brand24.

 

Doch nicht nur die Start-ups machen die polnische Hauptstadt so interessant. Vor kurzem verkündete die britische Investment-Service-Firma Hargreaves Lansdown, sie werde in  Warschau eine Niederlassung eröffnen. Die Gründe dafür seien ähnlich wie bei Google, unter anderem die «grosse Zahl englischsprachiger IT-Profis». Englisch sei hier so weit verbreitet, dass es als offizielle Geschäftssprache gelte.

 

Wichtige VC-Fonds sind ProtosVC, Innovation Nest, IQ Partner und Black Pearls. «Bei TechHub Warsaw werden wir regelmässig von VCs und Leuten kontaktiert, die Geld zu ­investieren haben», sagt Kasia Bocheńska. «Und es gibt viele öffentliche Mittel und EU-Gelder.»

 

Eine weitere Stärke Polens ist seine ­Grösse: Mit 38,5 Millionen Einwohnern ist es der grösste Markt Osteuropas. Einen zweiten polnischen  Tech-Hub bildet die altehrwürdige Universitätsstadt Krakau, wo Brainly seinen Sitz hat.

 

Warschau mag nicht ganz so malerisch wirken, dafür kann man hier aber viel leichter bauen: «Überall entstehen neue Gebäude», sagt Kasia Bocheńska. Und sie hofft sehr, dass es bald «polnische Start-ups gibt, die wirklich global sind. Ein polnisches Einhorn haben wir bislang noch nicht gehabt.»

 

Einwohner: 2.300.000

BIP pro Einwohner: US$27.700

Rang Geschäftsfreundlichkeit: 24

Rang Lebenshaltungskosten: 95 

Lissabon, Portugal

 

London – Lissabon – San Francisco. Dieses Trio mag zunächst seltsam anmuten, doch exakt so steht es auf der Website der Debugging-Experten von Codacy. Und Codacy ist nicht die einzige Tech-Firma in der portugiesischen Hauptstadt: Lissabon beherbergt immer mehr Tech-Start-ups. Zum Beispiel Noxidity, ein Unternehmen, das mit Hilfe intelligenter Sensoren und IoT-Technologie die Korrosion von Industriemaschinen prognostiziert. Gründerin Ridhi Kantelal ist Portugiesin, sie hat in Grossbritannien und Dubai gelebt und in Oxford studiert. Ihre Firma hat sie dann aber in Lissabon gegründet: Sie war einfach beeindruckt, wie viele technische Talente es in der Stadt gibt. «Hier sind viele Ingenieure, und die Leute sind offen dafür, bei einem Start-up mitzuarbeiten.»

 

Lissabon erlebte 2016 einen enormen  Aufschwung, als Gastgeber des Web Summit, der mit über 60 000 Teilnehmern grössten Konferenz ihrer Art in Europa. «Lissabon hat eine blühende Start-up-Community», bestätigt Paddy Cosgrave, Mitbegründer der Konferenz.  Auch in diesem Jahr wird der  Web Summit daher wieder in Lissabon stattfinden.

 

«Wir ziehen nicht zuletzt deshalb Start-ups an, weil wir ein Finanzierungssys­tem und günstige steuerliche ­Rahmenbedingungen für Start-ups haben», erklärte der portugiesische  Wirtschaftsminister Manuel Caldeira Cabral dem britischen ­«Guardian». Im Jahr 2016 bot die Regierung Start-ups Kofinanzierungen an. Risiko­kapitalgeber wie Alpac Capital verpfändeten über 550 Millionen USD.  Anfang 2017 kündigte die Regierung ein «Start-up-Visum» für indische Unternehmer an, die in Lissabon durchstarten wollen. Und dennoch müssten sich vor allem nichtstaatliche Investoren noch mehr engagieren, so Gründerin Ridhi Kantelal: «Es gibt viele VCs hier, aber das meiste finanziert letztlich die EU.»

 

Portugals Hauptstadt hat viel zu bieten. Die Lebenshaltungskosten sind niedriger als in Tech-Hubs wie London. Das Klima ist milder – die Sonne scheint fast doppelt so oft wie in London. Im ­Atlantik, nahezu vor der Haustür, kann man surfen.

 

All das sind durchaus wichtige Punkte: Ein Grund, warum East London einst zu einem Tech-Hub werden konnte, war, dass junge Unternehmer es sich leisten konnten, dort zu leben und zu arbeiten. In Lissabon ist das an einigen Orten immer noch so. Zwar ist Portugiesisch keine leicht zu lernende Sprache, aber Geschäfte werden hier ohnehin weitgehend in Englisch abgewickelt.

 

Man vergleicht die Stadt immer wieder mit San Francisco – beide sind hügelig und liegen an einer Westküste mit Tausenden Kilometern Ozean davor. Lissabon mag keinen Xerox PARC und auch kein ­Silicon Valley haben, aber seine relative Nähe zu den europäischen Industrie- und Finanzzentren sollte man als Standortvorteil nicht unterschätzen.

 

Einwohner: 2.550.000

BIP pro Einwohner: US$28.500

Rang Geschäftsfreundlichkeit: 25

Rang Lebenshaltungskosten: 84

Santiago, Chile

 

Santiago, die Hauptstadt von Chile, erscheint auf den ersten Blick zu ­isoliert für einen echten Tech-Hub. «Jahrelang kamen wir uns wie eine Insel vor», sagt Catalina Bräuchle von Start-Up Chile, «eingekeilt zwischen dem Pazifik auf der einen und den Anden auf der anderen Seite.» Vor 2010, sagt sie, «hat hier niemand über irgendwelche Start-ups geredet». Doch dann begann die von der Regierung unterstützte Organisation Start-Up Chile, Jungunternehmern je 40 000 USD und ein Einjahresvisum zur Verfügung zu stellen – und seither sind über 1300 Unternehmer nach Chile gekommen.

 

Im Gegenzug sollen sie der Gesellschaft etwas zurückgeben (zum Beispiel als Mentoren ­lokaler Unternehmer). So soll die Wirtschaft in den Kommunen neue Denkanstösse erhalten. Schon bald sprach man vom «Chilecon Valley», so auch Bräuchle. «Vor zehn Jahren wollten alle nur einen sicheren Job in einem grossen Unternehmen», sagt sie, «heute haben sogar die Universitäten Unternehmertum auf ihren Lehrplänen.»

 

In Santiago sind seither zahlreiche Cowork­ing Spaces entstanden, und es gibt  VCs wie Chile Global Angels, Austral Cap­ital und Magma Partners. Investitionen, so Bräuchle, kämen vor allem aus den USA und Südamerika, aber auch aus Asien.

 

Chile ist ganz anders als der Rest Lateinamerikas. Es ist das einzige OECD-Mitglied auf dem Kontinent und gilt seit langem als recht ordentlich reguliertes, transparentes und politisch stabiles Land. Es ist das am zweitwenigsten korrupte Land in Südamerika (nach Uruguay) und rangiert im weltweiten Corruption Perceptions Index von Transparency International auf Platz 24, ein Platz hinter Frankreich. Es gibt aber auch Bedenken, dass aus Chiles Start-ups vielleicht doch nicht die Tech-Stars der Zukunft werden.  Alberto Rodriguez,  Weltbank-Direktor für Chile, Bolivien, Ecuador, Peru und Venezuela, sagte dem  Wall Street Journal gegenüber, Start-Up Chile «unterstützt viele Unternehmen, aber dass sie auch weiter wachsen können, muss sich erst noch zeigen».

 

Dennoch ist Santiago ein gutes Beispiel dafür, wie durchdachte ­Regierungsprogramme eine Start-up-Szene beleben können. Bräuchle ­erwartet für die Zukunft mehr B2B- und Wissenschafts-Start-ups in Chile, denn das Land habe wenige Verbraucher und eine ­riesige Bergbauindustrie. «Es ist aber auch ein idealer Ort, um Ideen auszutesten», fügt sie hinzu, «und ein ideales Tor zum lateinamerikanischen Markt.» 

 

Einwohner: 7.150.000

BIP pro Einwohner: US$27.700

Rang Geschäftsfreundlichkeit: 24

Rang Lebenshaltungskosten: 91 

 

 

Veröffentlicht in WERTE Nr. 5, Kundenmagazin Deutsche Bank Wealth Management.