Risiko & Rendite

Mehr als zehn Jahre Arbeit steckt in dem von Olaf Scherf entwickelten System zum Management von Portfolio Risiken großer Investoren. Hier erklärt der Physiker das komplexe Zusammenspiel aus Risiko und Rendite und warum die Grundlage jeder Kundenbeziehung Transparenz ist.

Was genau muss man sich unter einem Risiko-Ingenieur vorstellen?

Ich bin studierter Physiker, aber auf meiner Visitenkarte steht Risiko-Ingenieur. Das ist jedoch kein Widerspruch. Ich beschäftige mich nur inzwischen weniger mit Physik als mit der Welt der Marktrisiken und versuche, sie systematisch zu verstehen. Als Ingenieur möchte ich Systeme einsetzen, die uns von diesem Verständnis profitieren lassen. Mein Multi-Asset-Risk-Engineering-Team hat hier einen neuen Ansatz entwickelt.

 

Was hat Ihr Interesse an diesem Thema geweckt?

Es war der zweijährige Abwärtstrend der Märkte, nachdem 2001 die Dotcom-Blase geplatzt war. Da wurde deutlich, dass es keinen konsistenten Ansatz gab, mit dem Marktrisiko kosteneffektiv umzugehen. Eine traditionelle taktische Asset- Allokation kann die Performance steigern und einen gewissen Schutz bieten, ist aber – wie sich gezeigt hat – nicht in der Lage, die Auswirkungen eines generellen Markteinbruchs richtig einzudämmen. Und sich mit individuellen Optionen oder Futures eine Garantie für ein bestimmtes Performance-Niveau zu erkaufen, bleibt teuer. Ich wollte einfach einen systematischeren und preiswerteren Risikoschutz finden. Und obwohl das der Intuition widerspricht fragte ich mich, ob ein effektives Risikomanagement durchgeführt werden könnte, ohne die Zukunft perfekt vorhersagen zu müssen. Prognosen sind ja immer sehr schwierig!

 

Wie funktioniert Ihr Ansatz?

Im Grunde wie diese Webseiten, wo man verschiedene Angebote für Hausrat- oder Kfz-Versicherungen miteinander vergleichen kann, nur ein wenig komplexer.

 

Sobald mein Team und ich Anlageziele und Risikopräferenzen von Kunden kennen, überwachen und beurteilen wir kontinuierlich alle Marktoptionen, um sicherzustellen, dass deren Ziele kosteneffektiv erreicht werden können. Dies erfordert komplexe Berechnungen. Man muss mitunter mehrere Millionen Absicherungsvarianten mit dem zugrunde liegenden Portfolio vergleichen, um zu identifizieren, welche die effizienteste Portfolio-Strategie für ein vorgegebenes Risikobudget sein kann. So wie ein Hybrid-Auto manchmal von Benzin und manchmal von Strom angetrieben werden kann, müssen sich auch die Schutzoptionen ändern.

 

Um aber bei der Analogie der Versicherungen zu bleiben, ist der entscheidende Punkt, dass wir, wenn wir die Wahrscheinlichkeiten zukünftiger Renditen abschätzen, eine größere Wahrscheinlichkeit großer Verluste oder Gewinne annehmen, als sie von den meisten klassischen Risikomodellen erwartet werden. Solche Verluste oder Gewinne können die langfristige Wertentwicklung eines Portfolios dominieren. Aus diesem Grund braucht man ein kosteneffektives Risikomanagement und muss zum Beispiel teure Stop-Loss-Trades vermeiden, sollte der Markt fallen. Sobald dieser Schutz eingerichtet ist, kann es möglich sein, die Zusammensetzung des Portfolios zu verändern, um zu erwartende Renditen zu erhöhen.

 

Sehen Sie sich mehr als Unternehmer oder als Intrapreneur?

Da ich dieses Konzept innerhalb der Deutschen Bank entwickelt habe, müsste ich mich selbst als «Intrapreneur» bezeichnen. Innovationen innerhalb eines Unternehmens bergen mitunter ihre eigenen Herausforderungen. Als ich 2005 damit begann, erschienen die Märkte gesünder als heute, und ich musste meine Kollegen davon überzeugen, dass mein Ansatz es wert war, Zeit und Geld zu investieren. Zum Zweiten musste ich zeigen, dass das Risk-Engineering ihr aktuelles Portfolio-Management ergänzen und verbessern wird. Mein Team arbeitete unermüdlich daran, das Angebot zu entwickeln. Vor allem der Beginn der Finanzkrise unterstrich seine Bedeutung, in beiderlei Hinsicht.

 

Wer profitiert vom Risk-Engineering?

Wie bei jedem neuen Produkt kann sich mit der Umgebung auch die Art der Anwendung verändern. Als wir begannen, das Risk-Engineering zu entwickeln, ahnten wir nicht, dass die Zinsen so lange so niedrig bleiben würden. Aber in vielerlei Hinsicht hat dies das Risk-Engineering noch bedeutender gemacht, da es für größere risikoaverse Investoren (zum Beispiel Stiftungen) immer schwieriger wird, ihre Anlageziele zu erreichen, bedenkt man allein etwa die niedrigen Renditen anleihelastiger Portfolios.

 

Wenn wir es schaffen, ein effektives Risikomanagement-System einzurichten, dann kann der Kunde, wenn er es will, die Zusammensetzung seines Portfolios so ändern, dass es Anlageklassen mit höherem Renditepotenzial enthält, zum Beispiel Aktien. Mit anderen Worten: Sie können ohne eine entsprechende Erhöhung des Risikos die Erträge steigern.

 

Also wird mehr gerechnet als miteinander gesprochen?

Auch wenn es ein recht mathematischer Ansatz ist, beinhaltet er viel Kundenkontakt. Wir müssen viel besprechen, um die tatsächlichen Präferenzen eines Kunden in puncto Risiko/Rendite und Wertentwicklung herauszufinden und unseren Ansatz komplett darauf auszurichten. Auch deshalb konzentrieren wir uns hier auf größere Kunden. Außerdem können wir stolz sein auf unsere Transparenz hinsichtlich Risiken, Renditen und Kosten. Wir streben stets langfristige Kundenbeziehungen an.

 

 

 

OLAF SCHERF

Head of Risk Engineering

 

Veröffentlicht in WERTE Nr. 5, Kundenmagazin Deutsche Bank Wealth Management