Familienbande

Salvatore Ferragamo ist der wahre Schuhmacher der Stars und einer der letzten italienischen Luxusgüterhersteller in Familienhand. 23 Enkel tragen Sorge dafür, dass sich die Erfolgsgeschichte fortsetzt.

Foto: Peter Lindbergh 

Die Geschichte der Ferragamos ist eine klassische italienische Familiensaga, keine Zutat fehlt: wundersamer Aufstieg, schicksalsschwere Tragik, Dialektik des Privaten und Geschäftlichen, der Lauf der Welt und seine Transformationen – vom Italien der Emigration bis zur globalisierten Gegenwart.

 

Es treten auf: ein Selfmade-Genie, elftes von vierzehn Kindern armer Bauern, eine resolute Patriarchin, sechs Kinder, 23 Enkel, jede Menge Hollywoodprinzessinnen, ein florentinischer Palazzo, zwei Weltkriege, diverse Weltwirtschaftskrisen – und all das ohne das Gift und die Skandale anderer italienischer Firmendynastien.

 

Heute herrscht der Familienclan über ein Imperium mit einer Marktkapitalisierung von mehr als fünf Milliarden US-Dollar. Die seit 2011 an der Borsa Italiana in Mailand notierte Firma stellt Schuhe, Taschen, Kleider, Krawatten, Seidentücher, Schlüsselanhänger, Parfüm, Sonnenbrillen, Uhren und Schmuck her. Ferragamo ist eine der letzten italienischen Luxusmarken, die noch nicht von internationalen Luxuskonzernen übernommen worden sind; rund siebzig Prozent der Anteile befinden sich im Besitz des Clans.

 

«Für Familienunternehmer besteht die Herausforderung darin, die Interessen aller in Einklang zu bringen: die der Familienmitglieder und der Aktionäre», sagt Ferruccio Ferragamo, der älteste Sohn, der das Unternehmen 24 Jahre lang selbst geleitet hat. «Wenn ich familiengeführten Unternehmen einen Rat geben kann, dann den, einen Manager einzustellen», sagt der 71-Jährige. «Für uns hat sich das positiv ausgewirkt.» Auch der Schritt an die Börse war von Vorteil: «Er hat uns mehr Sichtbarkeit verschafft und unserer Familie notwendige Regeln auferlegt.» Er muss es wissen, denn Ferruccio Ferragamo ist nicht nur Verwaltungsratspräsident und der Älteste der sechs Ferragamo-Geschwister, sondern auch Vater von sechs Kindern.

Foto: Ferragamo

Für den Generationswechsel gilt bei den Ferragamos ein «moralischer Pakt», wie Ferruccio Ferragamo betont: Von den 23 Enkeln sollten nur drei in das Unternehmen eintreten – und das auch erst, nachdem sie ihr Studium abgeschlossen und in einer externen Firma gearbeitet haben sowie von anderen im Betrieb tätigen Familienmitgliedern geprüft wurden. Auswahlkriterien, die nicht nur für diese Generation gelten, sondern auch für die folgenden. Sie schützen das Unternehmen vor verkanntem Familiensinn und sorgen zugleich dafür, für externe Manager attraktiv zu bleiben: «Für Familienunternehmen ist die Leitung durch einen Manager von Vorteil – und das sage ich als jemand, der das Unternehmen 24 Jahre lang selbst geführt hat», sagt Ferruccio Ferragamo. 

 

Zuletzt zog mit Eraldo Poletto ein neuer CEO in das Unternehmen ein, drei neue, junge Designer sorgen für frischen Wind: Fulvio Rigoni, Paul Andrew und Guillaume Meilland. Der Italiener Rigoni hat zuletzt bei Christian Dior gearbeitet und entwirft nun die Damenoberbekleidung. Paul Andrew ist ein junger britischer Designer, der neben seiner eigenen Marke nun die Damenschuhe für Ferragamo entwirft. Guillaume Meilland hat sich bereits bei Yves Saint Laurent und Lanvin bewährt und zeichnet nun für die Männermode bei Ferragamo verantwortlich.

 

Denn die Familie ist den Ferragamos wichtig – aber nicht alles: «Im Zweifel zählt immer das Unternehmen», betont Ferruccio Ferragamo, «das habe ich meinen Kindern von klein auf klargemacht. Ich habe ihnen gesagt: Ihr könnt machen, was ihr wollt. Aber das Interesse des Unternehmens ist auch immer das Interesse der Familie. Denn inzwischen sind ja auch meine Kinder bereits Familienväter.»

 

Damit sich die Ferragamo-Nachkommen nicht um mangelnde Einsatzmöglichkeiten ausserhalb des Konzerns sorgen müssen, hat die Familie früh auf «Diversifikation» gesetzt und in weitere Luxussektoren investiert: in den Weinanbau, in die Hotellerie, den Schiffbau, in Häfen. Ferruccio Ferragamo hat mit Il Borro ein toskanisches Dorf samt Schloss gekauft und in eine Luxusherberge verwandelt. Sein Bruder Massimo Ferragamo besitzt das Gut Castiglion del Bosco, das preisgekrönte Weine hervorbringt und Gäste beherbergt. Der passionierte Segler Leonardo Ferragamo hat mit dem Schiffbauer Nautor und der Lungarno Collection zwei Leidenschaften verwirklicht: Tourismus und Yachting.

 

Heute zählt der Ferragamo-Clan fast einhundert Mitglieder – zu deren Geburtstagen die rüstige, heute 95-jährige Patriarchin Wanda Ferragamo die Geburtstagskarten immer noch selbst schreibt. «Wir Ferragamos bestehen inzwischen aus sechs verschiedenen Familienzweigen – die sich alle regelmässig treffen. Der älteste Enkel ist bereits 52 Jahre alt. Meine Mutter nimmt bis heute an jeder Versammlung teil. Und sie veranstaltet Treffen für die Enkel und Urenkel, die aber mindestens 16 Jahre alt sein müssen, um teilnehmen zu dürfen.»

 

Seinen Anfang hat der Familienroman 1898 in Bonito bei Neapel genommen, in der Irpinia, einer heute noch armen Hügellandschaft Kampaniens, in der Salvatore Ferragamo geboren wird. Als Neunjähriger kreiert er für seine Schwester zur Firmung ein paar Schuhe und sieht darin fortan seine Berufung. Er erlernt in Neapel das Schuhmacherhandwerk und wandert mit sechzehn Jahren nach Boston aus, wo ein Bruder in einer Schuhfabrik arbeitet. Den Bruder überredet Salvatore sogleich, mit ihm nach Kalifornien zu gehen, denn er hat schon früh begriffen, welches Potenzial in der Filmindustrie steckt: 1919 eröffnet Salvatore Ferragamo eine Schuhmacherwerkstatt in Santa Barbara, vier Jahre später geht er nach L.A., eröffnet seinen «Hollywood Boot Shop» und wird zum «Schuhmacher der Diven» – zu seinen erlesenen Kundinnen zählen Greta Garbo, Marlene Dietrich und Gloria Swanson.

 

Unter den Stars hat sich schnell herumgesprochen, dass seine Schuhe sich nicht nur durch italienische Eleganz, sondern auch durch aussergewöhnliche Bequemlichkeit auszeichnen: Salvatore Ferragamo entwickelte eine Stahlfeder zur Unterstützung des Bogens zwischen Sohle und Absatz, der erst den zehenfreien Schuh ermöglicht – eine von 369 Erfindungen, die sich Salvatore Ferragamo im Laufe seines Lebens patentieren lässt.

 

Ferragamo kehrt 1927 nach Italien zurück, gründet sein Unternehmen in Florenz und kauft den mittelalterlichen Palazzo Spini Feroni. 1940 fährt er zusammen mit seiner Schwester in einem Alfa Romeo in sein Heimatdorf, dem er eine Spende für ein Armenheim gemacht hatte, um die ihn der Bürgermeister und Dorfarzt gebeten hatte. Der ist nicht zu Hause, dafür aber seine Tochter Wanda. 

Foto: Ferragamo

Ferragamo, damals 42 Jahre alt, verliebt sich in die 18-Jährige und sagt zu seiner Schwester: «Dieses Mädchen werde ich heiraten!» Wanda bringt sechs Kinder zur Welt, drei Söhne und drei Töchter: Ferruccio, Leonardo, Massimo, Fiamma, Giovanna und Fulvia. Sie führt das scheinbar sorglose Leben der privilegierten Gattin eines erfolgreichen Unternehmers – bis ihr Mann 1960 überraschend mit 62 Jahren stirbt.

 

Wanda Ferragamo, damals 38 Jahre alt, steht allein da, mit einer Fabrik und sechs minderjährigen Kindern. Aber sie zögert keine Minute, das Lebenswerk ihres Mannes weiterzuführen: «Wir waren ein ganzes Rudel, das zusammengehalten hat.»

 

Bald arbeiteten alle Kinder mit. «Ich war 14 Jahre alt, als mein Vater starb – und ich weiss, dass es sein Traum war, dass wir alle in das Unternehmen eintreten und es weiterführen. Das war von Anfang an klar», sagt Ferruccio Ferragamo.

 

Studieren durfte niemand, nur wählen zwischen Design, Marketing, Vertrieb. Ausserdem bekam jeder das gleiche Gehalt, was den ältesten Sohn Ferruccio anfangs frustrierte, bald aber erkannte er die Weitsicht seiner Mutter, die auf diese Weise dafür sorgte, das Familienunternehmen zusammenzuhalten.

 

Heute ist die 95-jährige Patriarchin Ehrenpräsidentin des Luxuskonzerns, im Verwaltungsrat der Ferragamo-Gruppe sitzen fünf Familienmitglieder: Ferruccio Ferragamo ist Verwaltungsratspräsident, Schwester Giovanna, 74, seine Stellvertreterin, ausserdem sind noch Fulvia, 67, und Leonardo Ferragamo vertreten, dazu der Enkel Diego Paternò, 47, Sohn der verstorbenen Fiamma Ferragamo. Massimo, der jüngste Ferragamo-Sohn, ist Vorsitzender von Ferragamo USA. Zwei weitere Enkel sind im Unternehmen tätig: James Ferragamo, 46, ist für Schuhe und Lederbekleidung zuständig, Angelica Visconti, 43, ist Vertriebsleiterin für Südeuropa.

 

In der Welt der italienischen Luxusmarken ist Ferragamo das, was man in Italien eine «weisse Fliege» nennt: weil sich der Konzern noch zu fast siebzig Prozent in Händen der Familie befindet und nicht durch Skandale auf sich aufmerksam macht, sondern durch Nachhaltigkeit. Ferragamo nimmt das «Made in Italy» wörtlich: Das Unternehmen produziert in Italien und arbeitet hier mit einem Netz ausgewählter und bewährter italienischer Zulieferbetriebe aus Kampanien, der Toskana und der Lombardei zusammen – mehr als vierzehn Fabriken produzieren exklusiv für Ferragamo.

 

Ferruccio Ferragamo sieht allerdings auch kein Problem darin, wenn familiengeführte italienische Luxushersteller ins Ausland verkauft werden: «Wichtig ist vor allem, dass weiterhin in Italien produziert wird. Dass die Arbeitsplätze in Italien erhalten bleiben.» Und damit auch die italienische Wertarbeit, für die das Unternehmen berühmt ist. «Wir aber hängen an Italien. Deshalb ist es vielleicht auch unserer Familie zu verdanken, dass wir bis heute hundert Prozent ‹Made in Italy› sind: Wir produzieren ausschliesslich in Italien.»

 

Heute ist Ferragamo in mehr als 90 Ländern vertreten. «Die Märkte ändern sich, eine Zeitlang war unser grösster Markt Amerika, dann folgten Japan und China, heute ist es ausgeglichen zwischen Europa, Amerika und Asien», sagt Ferruccio Ferragamo. «Wir versuchen immer früh in ein Land zu gehen. Gerade haben wir in Vietnam angefangen, ein sehr interessanter Markt.» Und was die Märkte der Zukunft betrifft, da kennt Ferragamos Optimismus keine Grenzen: «Wir wollen die Nummer eins sein. Wir zeigen nicht auf den Mond, wir wollen dort die Ersten sein», sagt Ferruccio Ferragamo. 

 

Schliesslich hat der Gründervater Salvatore das italienische Unternehmergenie wie kein Zweiter verkörpert. «Wenn Italien es schafft, bürokratische Hürden abzubauen, Investitio-nen zu erleichtern und, nicht zuletzt, den jüngeren Generatio-nen Vorrang einräumt, dann kann es hier wieder zu einem neuen Boom kommen», sagt Ferruccio Ferragamo und fügt mit sanfter Ironie hinzu: «Die Politik ist nicht unbedingt die Stärke Italiens. Aber die Italiener sind phantastisch. Sie schaffen es, sich anzupassen und mit allen Schwierigkeiten umzugehen. Wenn es nun auch noch gelingt, einige Gesetze hier in Italien zu ändern, wäre das wunderbar. Wir sind zuversichtlich.»

 

Kürzlich sind zwei weitere Ferragamo-Enkel zur Welt gekommen. Die Zukunft geht weiter. 

 

Autor: Petra Reski. Veröffentlicht in WERTE Nr. 5, Kundenmagazin Deutsche Bank Wealth Management