Kindern Hoffnung geben

Acht Millionen Kinder weltweit leben in Heimen – viele unter schlechten Bedingungen. Hier schreibt Sarah Whiting, Leiterin Fundraising bei Hope and Homes for Children, wie sie das Leben  von Kindern in Ruanda verbessert haben.

Foto: Hope and Homes for Children

Wir trafen Atete und Uwera in einem Vorort von Kigali, der Hauptstadt von Ruanda. Das Haus steht am Hang eines Hügels auf Lehmboden, im Hof wachsen Bananenpflanzen, ein paar Ziegen wandern umher. Atete erzählte uns, wie sie Uweras «Mutter» wurde.

 

Als Atete eines Freitagabends nach Hause kam, hörte sie bei den Bäumen vor ihrem Grundstück etwas schreien. Dort lag ein ausgesetztes Baby, das nur ein winziges Tuch um die Taille trug. Atete nahm das Mädchen mit in ihr Haus. Dort blieb es drei Wochen, während die Gemeinde herauszufinden versuchte, wer die Eltern waren. In dieser Zeit schlossen Atete, ihr Mann und ihre Kinder Uwera so sehr ins Herz, dass sie alles tun wollten, um sie bei sich zu behalten.

 

In Ruanda kommt es häufig vor, dass Familien ausgesetzte Kinder aufnehmen. Trotzdem beschloss die örtliche Behörde, Uwera in einem Waisenhaus unterzubringen. Atete kämpfte vergebens darum, das Kind behalten zu dürfen. Am Ende beschloss sie, das Mädchen wenigstens mit allem auszustatten, was es brauchte, bevor es ins Waisenhaus kam. Sie kaufte Nuckelflaschen, liess Uwera impfen und ihre Geburt registrieren. Das kostete Atete viel mehr, als sie eigentlich besaß, aber es war das Einzige, was sie für Uwera tun konnte, wie sie uns erzählte.

 

Atete und ihre eigenen Kinder besuchten Uwera regelmässig. Aber dann bat man Atete, «Patin» zu werden, was bedeutete, dass sie dafür bezahlen musste, Uwera zu sehen; das schien ihr allem zu widersprechen, was das Muttersein ausmacht.

 

Nach einem Jahr verlegte man Uwera in ein anderes Waisenhaus, das über 80 Kilometer entfernt war. Monatelang erfuhr Atete nicht, wo das Mädchen war. Uwera kehrte erst zurück, als sie drei Jahre alt war. Die ganze Zeit hatte sie im Heim leben müssen.

 

Unsere Kollegin Claudine erzählte uns von dem Waisenhaus, in das Uwera nun zurückkehrte. Sie habe selten einen so furchtbaren Ort erlebt. Mehr als 50 Kinder waren dort untergebracht; alle wohnten in einem Zimmer und mussten den ganzen Tag still sein. Sie schliefen auf dem Fußboden, Insekten krabbelten über sie hinweg. Manchmal hatten sie drei Tage lang dieselbe Windel an. Es gab nur eine einzige Mahlzeit am Tag – um 15 Uhr.

 

Mit dreieinhalb Jahren war Uwera so gross wie eine Zweijährige und konnte weder laufen noch sprechen.

 

Vor 18 Monaten, nach einer landesweiten Reform solcher Institutionen, halfen wir der örtlichen Regierung, das Heim zu schließen. Damals erfuhren wir von der Verbindung von Atete und Urewa. Unsere Sozialarbeiter empfahlen, Uwera nach Hause zurückzuschicken, und sie unterstützten die Familie dabei.

 

Als wir sie zu Hause besuchten, lugte Uwera hinter den Beinen ihrer Pflegemutter hervor – ein hübsches kleines Mädchen mit strahlenden Augen. Atete erzählte uns, als man ihr Uwera übergab, hatte sie das Gefühl, einen Leichnam zu tragen. Sie sei so unterernährt gewesen und ihr Hals so dünn, dass sich beim Baden das Wasser zwischen ihren Schlüsselbeinen sammelte.

 

Atete päppelte sie nach und nach wieder auf. Doch Uweras Entwicklung hatte sich verzögert – sie ist immer noch zu klein für ihr Alter, und die Infektionen, die sie sich durch das lange Tragen der Windeln zugezogen hat, heilen nur langsam ab. Ihre Pflegemutter erzählte uns, dass Uwera immer noch Angst bekomme, wenn jemand in aggressivem Tonfall spricht. Deshalb müsse ihre Mutter immer ganz ruhig und gelassen reagieren, wenn Uwera etwas falsch macht.

 

Uwera spricht und läuft jetzt auch. Sie lächelt, während sie sich an die Beine der Mutter klammert. Und sie ist bereits außerhalb des Grundstücks umhergewandert und hat ein paar neue Freunde im Dorf. Im Moment bereitet Atete Uwera auf den nächsten großen Schritt vor: den Kindergarten. Als wir uns mit Atetes anderen Kindern unterhielten, erzählte uns ihre älteste Tochter: «Sie ist der Liebling der ganzen Familie.» Diese große Schwester hatte eine wichtige Rolle dabei gespielt, den Kontakt zu Uwera zu halten. Da sie noch ein Kind war, hatten die Mitarbeiter des Waisenhauses nichts dagegen, wenn sie Uwera besuchte. Heute ist sie fast so etwas wie ihre zweite Mutter.

 

Atete sprach mit uns darüber, wie wichtig es sei, dass Kinder in einer Familie aufwachsen und geliebt werden. Sie freut sich sehr, dass die Regierung Kinder nun nicht mehr in solche Heime steckt und stattdessen auf neue Dienstleistungen wie die Notfallunterbringung in Familien setzt.

 

Als Letztes erzählte uns Atete, dass Uwera neuerdings keine Angst mehr vor Erwachsenen hätte. Sie fühle, dass sie in Sicherheit ist und geliebt wird. Für ihre neue Mutter ist das Mädchen ein Geschenk Gottes.

 

Erst später wurde uns klar, dass diese ganz besondere Frau dem Mädchen zweimal das Leben gerettet hat. Ich bin mir sicher, dass Uwera für den Rest ihres Lebens eine Familie haben wird, die sie liebt.

 

So beeinflusst Hope and Homes for Children Schicksale positiv. Die Organisation hat eine bedeutende Rolle dabei gespielt, in Ruanda die unwürdige Unterbringung von Kindern in Heimen abzuschaffen; bald wird es im ganzen Land keine solchen Einrichtungen mehr geben. Dieser landesweite Erfolg beflügelt uns, uns weiterhin mit aller Kraft dafür einzusetzen, dass Kinder in aller Welt in Familien untergebracht werden statt in Heimen.

 

 

Autor: Sarah Whiting. Veröffentlich in WERTE Nr. 5, Kundenmagazin Deutsche Bank Wealth Management