Brücken bauen

Sie liebt es bunt und nutzt das aus für ihre grosse Vision – den Dialog zwischen Ost und West. Die phantastische Karriere der Galeristin Pearl Lam und wie sie den Kunstmarkt von morgen sieht.

Foto: Chris McAndrew

Wie sind Sie zur einflussreichsten Galeristin Asiens geworden? Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

 

Harte Arbeit, Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein und vor allem: Leidenschaft. Ich kam genau im richtigen Moment zurück nach China, als der chinesische Kunstmarkt gerade einen unglaublichen Aufschwung erlebte. Ich sprach mit Künstlern, Intellektuellen und Experten, um zu verstehen, wie sich die Kunstszene entwickelt hat. Mein neues Wissen und meine Kenntnisse der westlichen Kunstwelt liessen mich dann eine Brücke zwischen Ost und West schlagen. Ich hatte keine Angst, anders zu sein und nicht der Norm zu entsprechen. Ich folgte nicht dem hier üblichen Blick auf die chinesische Kunst durch die Brille des westlichen Modernismus. Als die Zeit reif war, war ich somit in der Lage, der Welt eine ganz andere Perspektive auf chinesische zeitgenössische Kunst aufzuzeigen. Zudem wurde ich selbst zu einer Art Brücke, indem ich internationale Künstler in Asien einführte.

 

Sie leben in Hongkong, Shanghai und London. Was ist der Unterschied zwischen dem Leben in Europa und dem Leben in Asien?

 

Das ist eine schwierige Frage. Innerhalb Asiens, sogar innerhalb Chinas hat jede Stadt ihren eigenen Charakter und ihre eigene Kultur. Das Gleiche gilt für Europa. Es gibt die offensichtlichen Unterschiede in Kultur und Sprache, aber da Europa und Asien beide eine lange und reiche Geschichte haben, haben sie mehr gemeinsam, als man denken möchte. Die Menschen wollen Traditionen bewahren, indem sie auf die Vergangenheit schauen, um die Zukunft aufzubauen. Da sich die internationale Kunstwelt auf den Westen konzentriert, muss ich viel ins Ausland reisen, um Sammler und Künstler zu treffen, Kunstmessen, Biennalen, Stiftungen, Museen und Galerien zu besuchen. Ich habe vier Galerien in drei Städten, ich nehme an bis zu 14 internationalen Messen im Jahr teil. Knapp die Hälfte meiner Zeit verbringe ich in London, die andere in Asien und Amerika.

Foto: Mary Turner / Getty Images for Pearl Lam

Sehen Sie sich selbst als Mittlerin zwischen den Kulturen?

 

Ich bin in Hongkong, den USA und Grossbritannien aufgewachsen und war viele Jahre in Shanghai. Ich weiss, wie sehr China im Westen missverstanden wird – und umgekehrt. China hat eine rasant wachsende Wirtschaft und immer grös-seren politischen Einfluss. Daher ist es ungeheuer wichtig, den offenen Dialog zwischen China und dem Westen zu fördern. Gerade als Chinesin ist es mein Anliegen, die Kluft zwischen Ost und West mittels Kunst zu überbrücken. Da ich mich mehrerer Perspektiven bedienen kann – bei meiner chinesischen Kultur und meiner westlichen Bildung –, bin ich unvoreingenommen und behalte meinen Sinn für Humor.

 

Wer oder was hat Ihr Leben beeinflusst?

 

Meine strenge Erziehung hat massgeblich beeinflusst, wer ich heute bin. Dass ich auf ein Internat geschickt wurde, wo mir jeder Vorschriften machte, liess mich zur Rebellin werden. Das bin ich noch heute. Meine Eltern wollten nicht, dass ich in der Kunst arbeite. Für meinen Vater war eine Galeristin nicht mehr als eine Ladenbetreiberin. Aber ich setzte mich durch. 1993 hatte ich meine erste Pop-up-Show. Da fühlte ich mich zum ersten Mal richtig lebendig. Vorher lebte ich fast wie ein Zombie. Mir wurde klar, was ich wirklich liebte – die Kunst, vor allem die zeitgenössische. Den Kurator Prof. Gao Minglu kennenzulernen, war ein Wendepunkt für meine Karriere und für mein Verständnis für zeitgenössische chinesische Kunst. Er ist derzeit am kunsthistorischen Institut der University of Pittsburgh tätig. Er hat diverse Ausstellungen chinesischer zeitgenössischer Kunst organisiert, unter anderem 1989 die «China/Avant-Garde» in Peking und 1998 «Inside Out: Chinese New Art» in New York, die 2000 auch in Mexiko, Australien und Hongkong zu sehen war.

 

Er hat zahlreiche Bücher über zeitgenössische Kunst und Kunsttheorie veröffentlicht. Ich hatte seine Schriften gelesen und wollte unbedingt mehr erfahren. Es gelang mir, Kontakt zu ihm aufzunehmen und ihn in Pittsburgh zu besuchen. Ich suchte nach Wissen, stellte Fragen und versuchte zu lernen und zu verstehen. Ich wollte wissen, woher die zeitgenössische chinesische Kunst kommt, und verstehen, wie sie sich von der westlichen unterscheidet, die sich aus der Moderne entwickelt hat. In den letzten zehn Jahren seit dem ersten Treffen haben wir zusammen an vielen wunderbaren Projekten gearbeitet. Minglu inspirierte mich dazu, die China Art Foundation zu gründen, die mit dazu beitragen soll, dass das grosse weltweite Interesse an zeitgenössischer chinesischer Kunst und Kultur eine nachhaltige Zukunft hat.

 

Was für eine Idee steht hinter der China Art Foundation?

 

Ich habe die China Art Foundation (CAF) in 2008 gegründet. Ihr Ziel ist es, dem intensiven globalen Interesse an zeitgenössischer Chinesischer Kunst und Kultur eine nachhaltige Zukunft zu sichern. Sie beabsichtigt auch, gegenseitiges Wissen und Verständnis zwischen China und dem Rest der Welt im Bereich Kunst und Kultur zu fördern.

Foto: studioEast / Getty Images

Was ist der Unterschied zwischen den asiatischen und den westlichen Kunstmärkten?

 

Der westliche Markt konnte in Ruhe reifen und ist heute relativ anspruchsvoll. Der Markt für zeitgenössische Kunst in Asien ist hingegen noch sehr jung - nur in Südkorea kaufen Sammler schon seit den 1980er Jahren Kunst. Der asiatische Martk hat noch keine gute Infrastruktur, wie etwa durch Regierungen finanzierte Kunstmuseen, Ausstellungen auf Weltniveau oder eine Präsenz namhafter internationaler Galerien. In vielen Ländern Asiens entwickelt sich dieser Kunstmarkt gerade erst. Auch wenn es etablierte Stiftungen gibt und asiatische Kunst mitunter zu Spekulationszwecken gekauft wird, versteht man sich hier noch nicht darauf, Kunst richtig zu sammeln. Es ist sehr spannend, am Aufbau dieser neuen Kunst-Infrastruktur in Asien teilzuhaben. 

 

Warum wächst der chinesische Kunstmarkt so schnell?

 

Für China müssen wir im Auge behalten, dass der Kunstmarkt nicht nur den zeitgenössischen Markt umfasst. In den letzten einhundert Jahren hat es hier viele kulturelle, politische, soziale und ökonomische Veränderungen gegeben. Heute ist China zunehmend wohlhabend und versucht, seine Geschichte und Kultur «zurückzukaufen». Das spiegelt sich in einer regelrechten Explosion des chinesischen Antiquitätenmarktes und des Marktes für moderne chinesische Kunst wider. Die Chinesen sind sehr stolz auf ihre Kultur – daher möchten sie ihre Kunst gern im eigenen Land behalten. Bei zeitgenössischer und moderner Kunst sind über 90 Prozent der Sammler reine Spekulanten. Als die chinesische Wirtschaft 2006 einen Boom erlebte, nahm die Weltöffentlichkeit erstmals richtig von vielen Werken asiatischer, vor allem chinesischer zeitgenössischer Künstler Notiz. Die Preise stiegen bei einigen Künstlern um das 50- bis 100-fache an Wert.

 

Welche Sammler-Typen gibt es in China?

 

Immer mehr Chinesen fangen an, zeitgenössische Kunst von chinesischen und internationalen Künstlern zu sammeln. Früher ging es vor allem um alte chinesische Meister. Es gibt sehr wohlhabende Sammler, die mehr über zeitgenössische Kunst erfahren wollen und zu Kunstmessen wie der Frieze nach London und zur Art Basel fahren. Die sammeln aus reiner Liebe zur Kunst. Aber es gibt auch die Neureichen, für die Kunst nur ein weiteres Luxusgut ist. Und Spekulanten, die aus reiner Profitgier sammeln.

 

Wie wird sich der asiatische Kunstmarkt Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren entwickeln?

 

Kunstmärkte, die man früher gern übersehen hat, wie Indien und Südostasien, werden sich stark weiterentwickeln. Dazu hilft eine robuste und wachsende Infrastruktur wie staatlich geförderte Ausstellungsräume, Kunstmessen und die zunehmende Präsenz internationaler Galerien.

Foto: The New York Times / Redux / laif

Wie wird sich der asiatische Kunstmarkt Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren entwickeln?

 

Kunstmärkte, die man früher gern übersehen hat, wie Indien und Südostasien, werden sich stark weiterentwickeln. Dazu hilft eine robuste und wachsende Infrastruktur wie staatlich geförderte Ausstellungsräume, Kunstmessen und die zunehmende Präsenz internationaler Galerien. 

 

Was bedeutet Kunst für Sie persönlich?

 

Kunst ist immer ein Spiegelbild der Zeit, in der sie entsteht. Zeitgenössische Kunst bezieht sich stets auf die zeitgenössische Kultur, sei es durch narrative Elemente, Form, Stil oder Ähnliches. Mit ihr können Künstler Gefühle und Ideen ausdrücken, die sie sonst vielleicht nicht vermitteln könnten. Kunst spricht die Sinne an und kann wichtige Fragen zur aktuellen Lage der Welt aufwerfen, was in modernen Gesellschaften überaus wichtig ist – alles ist so schnelllebig, dass die Menschen ihre Umgebung oft nicht mehr wirklich wahrnehmen. Für mich, die zwischen Ost und West pendelt, ist Kunst eine Brücke zwischen den Kulturen. Sie kann durch den Austausch von Ideen die Kommunikation erleichtern. Wenn wir die Kunst einer anderen Kultur verstehen, können wir besser nachvollziehen, wie man dort lebt und denkt. Und die Ähnlichkeiten und Unterschiede lassen einen auch über die eigene Kultur nachdenken.

 

 

Autor: Christina Prinz. Veröffentlicht in WERTE Nr. 5, Kundenmagazin Deutsche Bank Wealth Management